Asiatisches Kind, ungefähr 5 Jahre, mit schwarzer Hornbrille grinst in Kamera. Davor ein aufgeschlagenes Buch, im Hintergrund ein rotes Bücherregal voller Kinderbücher

Wie geht Kinder- und Jugendbuchlektorat?

Wie lektoriert man eigentlich Kinder- und Jugendbücher? Ab April klärt ein Onlinekurs des VFLL auf: über Zielgruppen, sprachliche und inhaltliche Besonderheiten, Zusammenarbeit mit Verlagen und Selfpublisher*innen. Wir haben mit drei Dozentinnen des Kurses gesprochen.

Fangen wir mal an der Basis an: Was ist Kinder- und Jugendbuchlektorat? Welchen Aufgaben steht man gegenüber – und inwiefern sind die anders als im Lektorat für Erwachsene?

Silvia Schöer: Im Prinzip unterscheidet sich ein Kinder- und Jugendbuchlektorat erst mal nicht von einem klassischen Lektorat. Allerdings gilt es ein paar Besonderheiten zu beachten: Die Sprache muss altersgerecht sein, die Themen müssen sich an den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen orientieren, und diese unterscheiden sich je nach Altersstufe stark voneinander. Außerdem haben Autor*innen im Kinder- und Jugendbuch meiner Ansicht nach eine stärkere Verantwortung, Inhalte sensibel darzustellen, auf Rollenbilder und Klischees zu achten und durchaus auch Werte zu vermitteln.

Maike Frie: Darüber hinaus gibt es im Kinder- und Jugendbuch klare Regeln, mit denen Lektor*innen vertraut sein sollten. Einige Beispiele: Die unterschiedlichen Altersgruppen erfordern bestimmte Textlängen – für Bilderbücher gibt es sogar eine feste übliche Anzahl von Doppelseiten –, mehrere Perspektivfiguren passen nicht für die jüngsten Lesenden.

Wie wird man Kinderbuchlektorin? Welche Fähigkeiten braucht man fürs Lektorat von Kinder- und Jugendbüchern?

Silvia Schöer: In meinem Fall fing es mit dem Besuch eines Seminars am Institut für Jugendbuchforschung in Frankfurt an. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden, aber mein Interesse an der KJL – also der Kinder- und Jugendliteratur – war geweckt und hat sich von da an verselbstständigt. Nach einem Praktikum beim Eselsohr, der Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendmedien, ging es für mich weiter in einen Kinderbuchverlag.

Meike Blatzheim: Ich habe Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim studiert und bin in die KJL ein wenig „hineingerutscht“, weil ich nach dem Studium auf der Suche nach einem längeren Verlagspraktikum war. Und in Hildesheim gab es nun einmal den Gerstenberg Verlag. Während meiner Zeit dort habe ich bei mich bei verschiedenen Verlagen um ein Volontariat beworben. Die ersten Erfahrungen im Bereich KJL waren vermutlich ausschlaggebend dafür, dass es schließlich bei Beltz & Gelberg geklappt hat.

Maike Frie: Auf jeden Fall braucht man ein sensibles Ohr für Sprache, denn der altersgemäße Wortschatz und die passende Ausdrucksweise der jeweiligen Figuren ist entscheidend. Außerdem Neugier und Offenheit, um das Schreiben für Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen und in ihre aktuellen (Problem-)Welten einzutauchen. Ich habe mich während meiner Lektoratstätigkeit auf Jugendbücher spezialisiert, weil ich durch meine Kinder da nahe dran war und es hier besonders spannend finde, dranzubleiben.

Wo genau verläuft eigentlich die Grenze vom Kinder- zum Jugendbuch? Oder ist der Übergang fließend?

Maike Frie: Das Kinder- und Jugendbuch ist eingeteilt in Pappbilderbuch und Bilderbuch, Vorlesen, Erstleser, Kinderbuch ab 8 und ab 10 und dann geht es ins Jugendbuch ab 12 und ab 14. Es folgt Young Adult. Es gibt aber trotzdem immer wieder Bücher, die sich nicht an diese Vorgaben halten und zwischen diesen Altersstufen ihren Platz finden.

Fotos von drei Dozentinnen im Kurs "Kinder- und Jugendbücher lektorieren": Silvia Schröer, Meike Blatzheim und Maike Frie

Drei der Dozentinnen im Onlinekurs „Kinder- und Jugendbücher lektorieren”: Silvia Schröer, Meike Blatzheim und Maike Frie (v. l. n. r.).

Das Genre Kinder- und Jugendbuch ist offensichtlich ungemein breit aufgestellt, sowohl in puncto Themen als auch in der Art der Vermittlung. Sollte man sich im Lektorat stark spezialisieren – nach Altersgruppe, Subgenre o.ä.?

Meike Blatzheim: Ich denke, es kommt immer darauf an, was einem liegt und besonders viel Spaß macht. Ich arbeite inzwischen z. B. deutlich mehr mit erzählenden Texten als mit Bilderbuch und anderen Texten für die Kleinsten. Im Verlag habe ich auch gern die Bücher für die Jüngeren betreut, als Freiberuflerin finde ich persönlich es etwas anstrengend, Illustrationen zu betreuen, weil das nach meiner Erfahrung deutlich engere Absprachen mit dem Verlag bedeutet. Aber das ist sicherlich Geschmackssache.

Silvia Schöer: Generell ist es als Freiberufler*in immer gut, sich zu spezialisieren und den potenziellen Auftraggeber*innen zu signalisieren, dass sie hier eine Expertin für das Genre und die Altersgruppe bekommen. Allerdings muss ich sagen, dass mir die Beschränkung auf eine Nische zu langweilig wäre. Gerade die Bandbreite im Kinder- und Jugendbuch macht die Arbeit für mich so spannend und abwechslungsreich. Im Laufe meiner langjährigen Berufspraxis haben sich meine Schwerpunkte immer wieder mal verschoben.

Ihr alle seid Dozentinnen im Onlinekurs „Kinder- und Jugendbücher lektorieren“ des VFLL. Was können Teilnehmende von den neun halbtägigen Seminaren erwarten?

Silvia Schöer: Einen umfassenden Überblick über das gesamte Feld des Kinder- und Jugendbuchlektorats.

Meike Blatzheim: Unbedingt! Jeder Termin ist einer anderen Zielgruppe bzw. einem anderen Bereich gewidmet: Vom Bilderbuch über das Erstlesebuch bis hin zum Jugendbuch schauen wir uns intensiv die unterschiedlichen Anforderungen an. Wir sprechen außerdem über die Zusammenarbeit mit Selfpublisher*innen und Verlagen, und es gibt zwei Textwerkstätten, in denen man das Gelernte ausprobiert und Unterstützung bei ersten eigenen Projekten bekommt.

Maike Frie: Hilfreich ist es auch, Kolleg*innen kennenzulernen und sich zu vernetzen. So weiß man später, wen man bei einem Spezialthema um Rat fragen oder wen man empfehlen mag, wenn man eine Anfrage selbst nicht bedienen kann. Dafür können alle Teilnehmenden optional in Erfolgsteams zusammenbleiben.

Warum geben den Kurs so viele unterschiedliche Dozentinnen miteinander?

Meike Blatzheim: Du hast ja selbst schon auf die Vielseitigkeit des Bereichs hingewiesen. Zwar haben viele von uns Expertise in mehreren Bereichen der KJL, aber eben nicht alle in allen. Dementsprechend haben wir die Themen untereinander aufgeteilt. Ich glaube außerdem, dass die Teilnehmenden davon profitieren, möglichst viele unterschiedliche Herangehensweisen mitzubekommen – mit Sicherheit lektoriert jede von uns ein wenig anders, und so kann man sich an verschiedenen Stellen etwas abgucken.

Was waren für euch die besten Kinder- und Jugendbücher 2025?

Silvia Schöer: Das ist eine schwierige Frage. Ich muss gestehen, dass ich im letzten Jahr gar nicht genug Zeit hatte, mich abgesehen von Projekten, die ich betreut habe, umfassend auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt umzutun. Ich werde also ganz vielen wunderbaren Titeln nicht gerecht, wenn ich jetzt sage, dass „Der Tunnelbauer“ von Maja Nielsen einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Meike Blatzheim: Silvia hat recht. Jahr für Jahr erscheinen ca. 7.500 neue Bücher für Kinder und Jugendliche. Davon schaffen auch wir Expert*innen nur einen Bruchteil. Persönlich hat mich letztes Jahr „Zwei Seiten eines Augenblicks“ von Jenny Valentine, in der Übersetzung von Klaus Fritz, besonders begeistert.

Maike Frie: Ich stimme den beiden anderen zu, was Menge und Vielfalt angeht. Deshalb nenne ich jetzt beispielhaft von Liza Grimm „Die Bücher der Macht“ (1: Eislotus und 2: Feuerlilie).

Redaktion: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild: Thế Anh Trần via Pixabay

Gleich buchen? Hier gibt es alle Infos zum Kompaktkurs »Kinder- und Jugendbücher lektorieren«.

Mehr zum Fortbildungsprogramm des VFLL findet man auf der Website der VFLL-Akademie und im kurzweiligen Magazin „Fortbildung aktuell“.

Meike Blatzheim: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Silvia Schröer: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Maike Frie: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis

Veranstaltungen mit Meike Blatzheim gibt es auch auf der Leipziger Buchmesse, hier alle VFLL-Events
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