Seit Jahren führen rechtsextreme Akteur*innen einen Kulturkampf, der weit mehr ist als ein Reflex auf linke Cancel Culture und Identitätspolitik. Haben sie damit Erfolg, steht nicht nur kulturpolitisch viel auf dem Spiel. Die AG „Haltung zeigen“ im VFLL lädt zum Austausch ein.
Von Jürgen Schreiber
Es ist Sonntag in Halle. Ausflugsstimmung liegt in der Luft. Die Sonne wärmt durch eine luftig gewebte Wolkendecke hindurch, und das alljährlich stattfindende Fontänefest hat viele Menschen raus an die Saale gelockt. Einzelne Flaneure und Paare, eine Spaziergängerin mit schwarzem Labrador, hier eine Gruppe Fahrradfahrer im sportlichen Cycling-Kit, dort ein Kind mit lockigem Haar, das andächtig sein schmilzendes Softeis aufsaugt. An einem Stand mit Druckgrafiken ziehen Gesichter vorbei. Manche lächeln, andere schauen nachdenklich drein. Es sind Gesichter mit Brille und ohne, mal bärtig, mal faltig, mal glatt; ungeschminkt, mit Kajal oder Piercing. Viele der Menschen, deren Wege sich zwischen Fontäne, Fluss und Promenade an diesem Spätsommertag 2025 kreuzen, leben in Halle oder im Saalekreis, der die Regionalmetropole im Süden von Sachsen-Anhalt umschließt. Sie kommen von hier, stammen aus Thüringen oder Sachsen, sind zum Studium, des Jobs oder der Liebe wegen von Westen hergezogen; manche kamen vielleicht übers Meer. Es ist das Bild einer überschaubaren Großstadt, die kulturell vielfältig ist: unaufgeregt, aber lebendig.
Kampfansage in großen Lettern
Vielleicht einhundert Meter von Europas drittgrößter Wassersäule entfernt, gegenüber der Imbissbude am Riveufer, parkt inmitten anderer Autos am Straßenrand derweil ein auffällig gestalteter Pick-up. Neben dem wuchtigen Truck wirkt die motorisierte Nachbarschaft klein, geradezu scheu. Beklebt ist der Pick-up mit der blauen Reflexfolie, die für gewöhnlich den Fuhrpark deutscher Polizeibehörden markiert – und ebenjene besondere Autorität ausstrahlt, die der Staat exklusiv seinen Sicherheitsorganen verleiht. Doch statt der sonst üblichen Bezeichnung ziert die Vordertür ein anderer Schriftzug. In Versalien steht dort geschrieben: HEIMATWEHR.
Es ist kein dezent plakatiertes Bekenntnis, wie es auf Straßen hier und anderswo immer wieder zu sehen ist. Kein kleiner Aufkleber gegen Atomkraft im Wendland, kein BVB- oder Bayern-Emblem, kein christlicher Ichthys, der als Ausdruck persönlichen Glaubens die Heckscheibe zieren würde. Der Schriftzug, das Fahrzeug: eine Kampfansage. Dramatisch in Szene gesetzt mittels Stahl, Aluminium, Karosseriefolie – und Sprache. Bloß ein einziges Wort. Und doch ein Statement, das so subtil wie nötig und so brachial wie möglich zu zerschlagen versucht, was lebendige, demokratische Kultur wesentlich ausmacht: Offenheit, Teilhabe, Verständigung – und das Gewaltmonopol eines Rechtsstaats, der zuallererst und zuallerletzt der Menschenwürde verpflichtet ist. Denn wer die eigene Heimat im Herzen einer so vielfältigen Stadt wie Halle zu verteidigen meint, wer sich bei mildem Ausflugswetter und friedlicher Stimmung am Imbissstand zum Abwehrkampf rüstet, der scheint eine andere Heimat zu wollen als die, die an diesem Tag zu sehen ist.
Sprache als Waffe im Kulturkampf
Wo es substanziell politisch wird, fängt Sprache an zu schillern. Nicht selten verhindert sie dann Verständigung, verwandelt im Sinne derer, die sie nutzen, Argumente in Polemik. Das Ziel ist Dominanz, nicht Ausgleich. Das gilt erst recht in einer Zeit, in der autoritäre Ideen, Nationalismen, Rassismus und Menschenfeindlichkeit öffentlich wirksam und politisch wieder machtvoll sind. Schwierig wird es, weil Worte dann oft Waffen sind. Und weil der, der bloß strategisch spricht, weder zuhören noch verstehen will. Stattdessen geht es ums Siegen, um Unterwerfung, Abwertung, Ausschluss. Und schon ist „Heimat“ dann kein biografisch bedingtes, kein eigener Empfindung entwachsenes Bekenntniswort mehr, sondern ein identitätspolitisches Ausgrenzungssignal, das auf Vorurteile zielt, Ressentiments aktiviert und Aggression zu entfesseln sucht.
Beispiele für eine solch strategisch gefärbte Semantik gibt es viele: „Systemmedien“, „Meinungsdiktatur“ und „Altparteien“, „Bombenholocaust“, „Ethnopluralismus“ oder „Remigration“ sind keine Vokabeln wie jede andere, keine Chiffren für eine lediglich kritische Meinung, die sich gegen konkrete Regierungspolitik oder kompromisslos verfochtene linke Identitätspolitik richten würde. Es sind Propagandabegriffe einer Systemopposition, die etwas prinzipiell anderes will, als das Grundgesetz vorgibt – Bestandteile eines rhetorischen Arsenals für den Griff nach der Macht. Denn die radikale Rechte in Deutschland hat längst gelernt, dass über postdemokratische Herrschaft im sogenannten vorpolitischen Raum entschieden wird. Deshalb heißt die Devise ihrer zunehmend erfolgreichen Strategie bereits seit vielen Jahren: Kulturkampf. Und das meint nicht bloß Agenda-Setting, sondern echte Diskurs- und Eskalationsmacht, mit deren Hilfe der vorpolitische Raum zunehmend nach rechts außen verschoben werden soll. Es geht um Polarisierung, Radikalisierung und die Aufweichung demokratischer Standards. Für die liberale Demokratie ist die radikale Rechte längst eine reale Gefahr.
Gesellschaftspolitische Haltung des VFLL
Vielen Mitgliedern im VFLL war es vor diesem Hintergrund schon länger ein Bedürfnis, für die zentralen Werte des Grundgesetzes einzustehen, auch als Verband öffentlich sichtbar und klar Haltung zu zeigen: für Vielfalt, Demokratie und Menschenwürde. Entstanden ist 2025 so auch die AG „Haltung zeigen“, die sowohl verbandsintern als auch -extern bislang auf viel Zustimmung gestoßen ist und sich seither mit verschiedenen Aktivitäten um eine parteipolitisch neutrale, demokratiepolitisch angemessene Positionierung des Verbands bemüht. Dazu zählt etwa die Gestaltung verbandsoffizieller, digitaler Brand Assets mit Demokratiebezug – also typografischer Zusatzelemente für Signaturen und Websites, die allen Mitgliedern zur Verfügung stehen. Parallel arbeitet die AG außerdem in Absprache mit dem Vorstand am Vorschlag für ein Demokratiebekenntnis im Verhaltenskodex, über den bei der Mitgliederversammlung im September in Ludwigshafen entschieden wird.
Längerfristig kooperieren Verband und AG zudem mit dem WIR-Festival in Halle, das in Reaktion auf die rechte Buchmesse SeitenWechsel ebenfalls 2025 ins Leben gerufen worden ist und als zivilgesellschaftliche Initiative mit kreativen Kampagnen, Lesungen und anderen Veranstaltungen für eine offene, kulturell vielfältige Gesellschaft wirbt. Dem AG-Team ist bei alldem bewusst, dass es innerhalb des Verbands auch Sorgen und Skepsis gibt, was die gesellschaftspolitische Positionierung des VFLL betrifft – dass manche Mitglieder womöglich rechtliche Grenzen überschritten sehen oder eine parteipolitische Vereinnahmung fürchten. Solche Sorgen sind unbedingt ernst zu nehmen, weshalb es der AG „Haltung zeigen“ ein Anliegen ist, über die rechtlichen Zusammenhänge ihres Engagements zu informieren, ihre demokratiepolitische Auffassung zu erläutern und ihre Arbeitsweise transparent zu machen.
Demokratisches Engagement statt Parteipolitik
Als Berufsverband vertritt der VFLL die berufsständischen Interessen von fast 1.400 freien Lektor*innen – sehr vielen Menschen also, die über das Land, den Kontinent und sogar den Globus verstreut leben. Menschen, die ihre ganz eigenen Erfahrungen haben, verschiedenen Generationen angehören, unterschiedlichen Narrativen, Wünschen und Neigungen folgen. Und Menschen schließlich, die eine Vielzahl von Werten, Meinungen und politischen Präferenzen vertreten. Schon vor diesem Hintergrund stellt sich der Verband also gegen jedwedes parteipolitische Engagement. Als berufsständische Interessenvertretung, der vom Finanzamt grundsätzlich kein Status der Gemeinnützigkeit zuerkannt wird, ist der VFLL gleichwohl nicht verpflichtet, seinen Beitrag zur politischen Willensbildung auf die unmittelbaren Vereinszwecke zu beschränken.
Zudem besteht für Vereine in Deutschland, wo der Verband seinen Sitz hat, kein allgemeines Neutralitätsgebot, wie es für Regierung, Justiz, öffentliche Verwaltung und bestimmte Körperschaften gilt. Und selbst für die endet das Neutralitätsgebot dort, wo es statt um Tagespolitik um Verfassungsprinzipien und die freiheitlich-demokratische Grundordnung des Staates geht. Der VFLL ist als eingetragener Verein ohne Gemeinnützigkeitsstatus zudem Akteur einer pluralistisch organisierten Gesellschaft und somit Teil jenes freiheitlich-demokratischen Staates, der einem berühmten Ausspruch des Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde zufolge „von Voraussetzungen (lebt), die er selbst nicht garantieren kann“. Denn dieser Staat, der 1949 aus dem Grundgesetz hervorging und an dieses dauerhaft gebunden bleibt, ist angewiesen: auf ein Wertefundament, das sich nicht einfach abwählen lässt, auf grundlegende Anerkennung im Innern und auf zivilgesellschaftliches Engagement – insbesondere dann, wenn die bedrohliche Alternative für Deutschland eine nationalistische Alternative zum universellen Prinzip der Menschenwürde ist.
Menschenwürde und kulturelle Freiheit
Natürlich geht es hier nicht um Autos, nicht um Karosseriefolie und auch nicht bloß um Worte. Es geht um all die Menschen, die schon heute immer häufiger diskriminiert, immer offener angefeindet werden, weil anderen ihr Aussehen nicht passt, weil ihre Herkunft oder Lebensweise, ihr Geschlecht oder Glaube, ihre Beeinträchtigung manchem selbsterklärten „Volksgenossen“ zur Projektionsfläche für Aggression oder Machtfantasien wird. Weil Menschen aus Syrien, aus Pakistan, dem Sudan oder Eritrea und Menschen, die queer lieben und leben, in ihrer Entfaltung beschränkt, in ihrer Existenz bedroht sind und alleinstehen, wenn der öffentliche Raum denen überlassen wird, die hassen, hetzen, herrschen wollen. „Menschenwürde“ klingt als Begriff oft abstrakt, doch was sie tatsächlich bedeutet, entscheidet sich Tag für Tag überall dort, wo wir leben und wirken: in unserer Begegnung mit anderen und ebenso in unserer gesellschaftspolitischen Haltung.
Darüber hinaus hat die demokratische Positionierung des VFLL auch eine verbandspolitische Dimension, die sich kaum überschätzen lässt: Denn es geht bei allem Engagement immer auch um den Schutz einer kulturellen Sphäre, die Kreativität erlaubt und vielfältig ist, die Argumentation, Aneignung, Verfremdung und Ausdruck ermöglicht, die Reflexion fördert und Verständigung zulässt. Es geht um den Erhalt einer kulturellen Landschaft, die für das freie Lektorat, für unsere Branche, tatsächlich so etwas wie Heimat ist. Das AG-Team ist überzeugt, dass wir im VFLL extremistischen, rassistischen, antisemitischen und anderen menschenverachtenden Bestrebungen in Publizistik, Literatur und Textkultur entgegentreten müssen, wenn wir diese kulturelle Landschaft bewahren und die Menschenwürde schützen wollen.
Die AG „Haltung zeigen“ lädt alle Verbandsmitglieder herzlich zur VFLL-Mitgliederlounge am 12. Juni 2026, 11 Uhr ein. Eine Rundmail mit den Einwahldaten folgt Anfang Juni.
Jürgen Schreiber: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Korrektorat: Cornelia Thoellden
Aufmacherbild: Image by Gerd Altmann from Pixabay
Infos zur AG „Haltung zeigen“ im VFLL
Mehr zum VFLL auf dem WIR-Festival in Halle