Das Leitungsteam der RG Luxemburg vor einem historischen Gebäude: links Inge Orlowski, in der Mitte Amaru Flores Flores und rechts Maike Edelhoff

VFLL goes Luxemburg – wie Luxemburger Lektor*innen die Literaturszene aufmischen

680.000 Menschen, drei Landessprachen und eine Fläche, die nur knapp dreimal so groß ist wie Berlin: Luxemburg hat ganz schön viel Kultur auf ganz schön kleinem Raum. Seit Kurzem beherbergt es auch eine Regionalgruppe des VFLL. Aber wie funktioniert Lektorat überhaupt in einem mehrsprachigen Land?

Seit Oktober 2025 hat der VFLL nun auch eine Regionalgruppe im Ausland: Maike Edelhoff und Inge Orlowski sind Sprecherinnen der Regionalgruppe Luxemburg, W. Amaru Flores Flores ist Delegierter. Wir treffen uns online, um über die Eigenheiten des Luxemburgischen, Abenteuer auf den „Walfer Bicherdeeg“ und Grenzgänge zu reden.

Lasst uns über die Anfänge sprechen. Wie kommt man denn darauf, in Luxemburg eine Regionalgruppe eines deutschen Verbandes gründen zu wollen?

Maike: Gute Frage! (lacht) Wenn man viel in und für Luxemburg arbeitet, wird man immer mal wieder gefragt, ob man vielleicht auch jemanden kennt, der zum Beispiel auf Französisch oder Luxemburgisch lektoriert. Schade, wenn man da Nein sagen muss. Deshalb haben Amaru und ich angefangen, andere zu suchen, die wie wir im Lektorat tätig sind – und festgestellt, dass die meisten gar nichts voneinander wissen. Also hatten wir zwei Möglichkeiten: Entweder wir sind ein loser Zusammenschluss und man weiß nur, dass die anderen existieren. Oder wir machen Nägel mit Köpfen. Im VFLL hatten wir zu dem Zeitpunkt schon so viele gute Erfahrungen gemacht, dass wir gesagt haben: Warum eigentlich nicht?

Das heißt, Maike und Amaru, ihr wart schon im VFLL?

Amaru: Genau. Maike und ich wohnen auch nicht mehr in Luxemburg, waren aber früher beruflich in Luxemburg unterwegs und arbeiten auch heute noch viel mit luxemburgischen Kund*innen.

Und gerade weil es durch die Mehrsprachigkeit und den kulturellen Hintergrund spezifische Anforderungen in Luxemburg gibt, war für uns relevant, uns mit anderen Lektor*innen zu vernetzen, die in Luxemburg arbeiten. Die Idee einer Luxemburger Regionalgruppe entstand im Gespräch mit Julia Hanauer aus dem VFLL-Vorstand, die das sehr positiv begleitet hat. Das hat einen großen Ausschlag gegeben.

Finden RG-Treffen von euch dann meistens online statt? Inge, bist du in Luxemburg?

Inge: Ich bin in Belgien ansässig, nah an der Grenze. Aber das zeichnet ja Luxemburg allgemein aus, dass sehr viele Angestellte in dem Land Grenzgänger*innen sind. Sie wohnen nah an, aber nicht unbedingt in Luxemburg.

Amaru: Tatsächlich sind aber auch alle RG-Mitglieder außer uns dreien Luxemburger*innen beziehungsweise wohnen in Luxemburg. (lacht)

Maike: Wir machen viele Veranstaltungen online, aber wir gucken, dass wir jedes zweite oder dritte Treffen vor Ort haben. Das liegt auch in der Natur der Sache, weil es immer mal wieder Einladungen von Verlagen und Kulturinstitutionen gibt, zu denen wir hinfahren – und das verbinden wir fast immer mit einem RG-Treffen.

Die fünf Gründungsmitglieder der Regionalgruppe Luxemburg stehen vor einem roten VFLL-Plakat und vor einem riesigen Bildschirm. Auf ihm ist ebenfalls das VFLL-Logo zu sehen, daneben Abbildung von Texten und darüber groß in drei Sprachen: Gründung der Regionalgruppe Luxemburg

So sah die RG Luxemburg bei ihrer Gründung aus, v. l. n. r.: Lara Schroeder, Maike Edelhoff, Amaru Flores Flores, Inge Orlowski und Martine Peters. (Foto: Henning Marmulla)

Luxemburg ist dreisprachig, offizielle Landessprachen sind Luxemburgisch, Deutsch und Französisch. Wie beeinflusst das eure Arbeit im Lektorat?

Maike: Dazu können sehr viele ausführliche Antworten kommen. (lacht)

Amaru: Die kurze Antwort wäre: Es beeinflusst uns gar nicht so stark, denn niemand von uns kann drei oder vier Sprachen auf muttersprachlichem Niveau. Neben den von dir genannten Sprachen sind noch mehr in Luxemburg relevant: Englisch, Portugiesisch, theoretisch auch Italienisch. All diese Sprachen kommen dort häufig vor – und niemand von uns kann sie alle anbieten. Im Endeffekt arbeiten wir alle lediglich in unseren Mutter- oder Alltagssprachen. Im Umkehrschluss ist gerade deswegen die Vernetzung so wichtig. Es gibt ja durchaus Projekte, die nicht nur eine Sprache brauchen. Wenn man ein Netzwerk hat, kann man in solchen Fällen zusammen Dinge anbieten. Natürlich gibt es im Luxemburger Sprachraum auch viel Übersetzungslektorat, wo man eine weitere Sprache gut kennen sollte. Solche Herausforderungen kommen noch dazu.

Maike: Interferenzen sind ganz, ganz typisch. Es sind beispielsweise viele Texte in sich mehrsprachig: Da hat man in einem Roman einen französischsprachigen Dialog oder luxemburgische Ausdrücke in einem sonst deutschsprachigen Text. Der Sprachmix ist immer da. Und wenn ein Autor den Text für ein Luxemburger Publikum schreibt und wir das lektorieren, dann müssen wir auch wissen, wie die Luxemburger Leserschaft darauf reagiert. Denn natürlich lektorieren wir einen Text nicht in Standarddeutsch, wie wir es in Deutschland machen würden. Das kann eine Gratwanderung sein.

Amaru: Wenn man den belletristischen Markt verlässt, dann gibt es durchaus mehrsprachige Publikationen, beispielsweise Sammelbände im wissenschaftlichen Bereich oder Texte aus öffentlicher Hand. Hier ist es üblich, dass in allen drei Landessprachen und Englisch Texte ohne Übersetzung nebeneinanderstehen, weil sie im Zweifel das Publikum auch so versteht. Das ist für alle völlig unproblematisch.

Ist „nur“ diese Mehrsprachigkeit eine Herausforderung beim Lektorat in Luxemburg? Oder gibt es wie bei österreichischem oder Schweizer Deutsch auch andere sprachliche Eigenheiten, eigene Ausdrücke und Schreibweisen?

Maike: Die gibt es! Das ist ein komplexes Thema, das auch Befindlichkeiten mit sich bringt. Es gibt ein Luxemburger Deutsch – aber wie das genau aussieht, lässt sich schwer beantworten oder definieren. Anders als im Schweizer oder österreichischem Deutsch hat man keine klar definierten Vorstellungen von dieser zu einem gewissen Teil eigenständigen Sprachform. Es gibt zwar mittlerweile Veröffentlichungen wie ein Wörterbuch zum Luxemburger Deutsch, das vom Duden rausgegeben wurde. Aber wir sind da noch lange nicht da, wo die Schweiz oder Österreich sind.

Amaru: Es gibt auch strukturelle Unterschiede. Die Schweiz und Österreich – als prominenteste Beispiele – haben eigenständige Normierungsinstitutionen, die den jeweiligen Standard beschreiben. In Luxemburg gibt es das ganz entschlossen nicht, Luxemburg will keinen eigenen Standard definieren. Praktisch weicht der Sprachgebrauch natürlich trotzdem vom bundesdeutschen Standard ab, genau wie das Luxemburger Französische vom Standard in Frankreich abweicht.

Inge: Da spielt auch wieder die Mehrsprachigkeit rein. In jedem Einzelfall muss man in einer Gratwanderung auseinanderdividieren: Was ist „Luxemburger Standarddeutsch“, also die Luxemburger Variante von Deutsch? Und was eine Übernahme aus dem Luxemburgischen? Das Luxemburgische ist ja sehr nah verwandt mit dem Deutschen und die Übergänge können im alltäglichen Sprachgebrauch fließend sein. Auch dafür ist es natürlich wichtig, dass man zumindest Grundkenntnisse im Luxemburgischen hat.

Gruppenfoto von 7 Menschen auf einem Mäuerchen vor einem grünen Baum und einem schlossähnlichen Gebäude

So sieht die RG Luxemburg heute aus: v. l. n. r. Inge Orlowski, Henning Marmulla, Maike Edelhoff, Amaru Flores Flores, Martine Peters, Sven Bloes, Lara Schroeder (Foto: Philippe Reuter).

Eure Regionalgruppe ist ja noch gar nicht so alt. Was waren denn bisher eure Highlights als RG?

Maike: Die „Walfer Bicherdeeg“, also die Luxemburger Buchmesse, war der absolute Wahnsinn! Da haben wir uns im Herbst 2025 zum ersten Mal alle nicht nur als Kacheln auf dem Bildschirm gesehen (lacht). Am ersten Tag haben wir Stände besucht, uns unterhalten und vorgestellt. Und am zweiten Tag hatten wir unseren eigenen Sektempfang, unseren Apéro, zu dem viele Menschen gekommen sind. Da hatte man das Gefühl: „Es ist real – es gibt unsere Regionalgruppe wirklich!“

Inge: Und dieses Signal ging sowohl nach innen als auch nach außen. Als wir da zusammensaßen, kamen so viele Vertreter*innen von Kulturinstitutionen und Verlagen vorbei, so viele Autor*innen, sogar der Kulturminister, da war richtig was los! Seither arbeiten wir uns noch immer an den Kontakten ab, die wir dort geknüpft haben. Wir haken nach und führen die Kontakte weiter. Das war wirklich ein Startschuss für unsere RG-Arbeit.

Maike: Im März 2026 haben wir uns mit der Kulturfabrik getroffen, das ist eine Kulturinstitution in Luxemburg, die Residenzen für Autor*innen anbietet. Dort haben wir darüber gesprochen, dass Lektorat mitgedacht werden sollte. Auch im Kulturministerium haben wir uns dafür eingesetzt, dass Lektorat im Kulturentwicklungsplan einen Platz finden muss, sobald Subventionen vergeben werden. Das Thema wurde auf den „Walfer Bicherdeeg“ von vielen Verlagen an uns herangetragen: „Wir würden ja gern mit euch zusammenarbeiten, aber das Geld fehlt.“ Wir sind also im März rumgereist wie die Verrückten, um für unsere Sache zu werben. Was war noch?

Inge: Die ALTI-Konferenz (Anm. d. Red. Association luxembourgeoise des traducteurs et interprètes): Wir haben uns mit den Übersetzer*innen im Übersetzerverband in Luxemburg getroffen und durften bei deren Konferenz einen Vortrag über Machine Translation Post-Editing halten. Die Übersetzer*innen stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie wir mit den Themen KI und maschinelles Übersetzen. Der März war für uns also heftig, aber richtig produktiv und super!

Amaru: Und das hört mit März ja nicht auf! In den nächsten Monaten geht es ähnlich weiter.

Wie viele seid ihr denn aktuell und was macht ihr, um noch mehr Leute zu gewinnen?

Maike: Derzeit sind wir sind zu acht, also schon mal 60 Prozent mehr als zur Gründung! (lacht) Wir nutzen intensiv Social Media und sprechen dort sowohl Interessent*innen als auch Kolleg*innen an. Wir werden im April wieder online ein Meet & Greet machen, denn viele arbeiten zwar in oder für Luxemburg, sitzen aber nicht unbedingt dort. Bei unserem ersten Meet & Greet haben sich Leute aus England oder Portugal zugeschaltet! Über diese Treffen können sich immer mehr Leute zusammenfinden und sich nach einiger Zeit vielleicht entschließen, doch im VFLL mitzumachen – weil sie die Vorteile im grenzüberschreitenden Arbeiten erkennen. Das ist ja das Beste an der ganzen Sache. Wir kochen nicht unser eigenes Süppchen in Luxemburg, sondern sind Teil eines großen Verbandes, der uns unterstützt. Und für den Verband wiederum ist es super, auch in Luxemburg einen Fuß in der Tür zu haben. Eine Win-Win-Situation!

Inge: Bei diesem Meet & Greet stellen wir uns den Menschen einfach vor. Natürlich ist das an potenzielle neue Mitglieder gerichtet, aber wir öffnen generell einen Teil unserer RG-Veranstaltungen auch für Externe. Dabei wollen wir die angestellten Lektor*innen in Luxemburg ebenso mit ins Boot holen wie alle potenziellen Kooperationspartner*innen. Natürlich gibt es Themen, die wir als Regionalgruppe gern untereinander besprechen. Aber wir öffnen auch regelmäßig Formate, um noch mehr Leute anzuziehen.

Amaru: Generell versuchen wir, einfach viel in der Öffentlichkeit sichtbar zu sein. Wir haben Interviews für mehrere Zeitungen gegeben, wir waren in Luxemburg schon im Radio! So wollen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es Lektorat gibt – und sprechen auch Menschen an, die sich mit uns vernetzen möchten.

Gibt es noch etwas, das ihr unseren Leser*innen mit auf den Weg geben wollt?

Amaru: Wir würden gern alle zu den Bicherdeeg einladen! Die finden am dritten vollständigen November-Wochenende statt, also am 21./22. November 2026. Die ideale Gelegenheit, die Luxemburger Literaturszene kennenzulernen!

Maike: Und uns!

Amaru: Genau, wir sind natürlich auch da. Auf jeden Fall wieder mit einem Apéro, und wir versuchen auch einen eigenen Stand zu realisieren. Was für deutsche Leser*innen wichtig ist: „Walfer“ ist zwar der Ort, in dem die Büchertage stattfinden, der steht so aber nicht auf deutschsprachigen Karten. Denn auch die Orte sind natürlich immer mehrsprachig benannt, „Walfer“ heißt auf Deutsch „Walferdingen“ und auf Französisch „Walferdange“. Mit den drei Sprachen im Gepäck findet ihr es auf jeden Fall!

Maike Edelhoff: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Inge Orlowski: Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Amaru Flores Flores: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis

Interview und Redaktion: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild: v. l. n. r. Inge Orlowski, W. Amaru Flores Flores, Maike Edelhoff (Foto: Philippe Reuter)


Wieso es auch in Zeiten von ChatGPT & Co. noch Lektorat braucht, erzählt die Regionalgruppe Luxemburg übrigens hier im Luxemburger Wort.

Auch sonst ist viel los im VFLL!
Wir entdecken Spielelektorat,
kennen uns aus mit KI-Tools wie narratiQ oder Textshine
und gründen Netzwerke, zum Beispiel für Drehbuchlektorat.

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