Ein aufgeklappter Laptop zeigt eine Illustration von einem sympathischen roten Roboter mit grünen Elementen, der aus dem Bildschirm zu steigen scheint. Im dunkelgrauen Hintergrund stehen Schlagworte wie "ChatGPT" und "AI"

Zwischen Komma und Code: KI im freien Lektorat

Hilfe oder Hindernis – wie verändert KI die Arbeit im freien Lektorat? Welche Themen rund um die KI bewegen die VFLL-Mitglieder derzeit am meisten? Und wie geht man mit KI am besten um? Mit mehr als 100 Teilnehmenden ging am 30. April die KI-Lounge des VFLL in die erste Runde.

Skeptisch, neugierig, überfordert und vorsichtig optimistisch: All diese Emotionen waren laut Abfrage zu etwa gleichen Teilen vorhanden, als die erste KI-Lounge „Zwischen Komma und Code“ eingeläutet wurde. Ziel des Treffens war es, die Themen herauszukristallisieren, die die Mitglieder am meisten bewegen. Denn in Zukunft wird alle drei Monate eines dieser Themen in dem kostenlosen Veranstaltungsformat näher beleuchtet. Entstanden ist das Konzept in Zusammenarbeit zwischen der AG KI und der VFLL-Akademie, das Angebot gilt nur für VFLL-Mitglieder.

Ob man KI als Klotz am Bein empfindet, mit dem man sich zwangsweise beschäftigen muss, oder man schon dabei ist, sich mithilfe von KI ein „zweites Gehirn“ anzulegen: Künstliche Intelligenz macht auch vor dem Lektorat nicht Halt. Gleichzeitig ist die Entwicklung für viele freie Lektor*innen mit spürbaren Unsicherheiten verbunden. Veränderte Erwartungen von Kund*innen und erste Anzeichen von Auftragsrückgängen werfen die Frage auf, wie sich das Berufsbild künftig entwickeln wird und welchen Stellenwert menschliche Expertise noch einnimmt. Es ist absehbar, dass sich die klassische Lektoratsarbeit unter dem Einfluss von KI verändert – doch in welche Richtung und zu welchen Bedingungen? Die KI-Lounges bieten Raum, diese ambivalenten Entwicklungen offen zu diskutieren: zwischen dem Potenzial, die Arbeit zu erleichtern, und berechtigten Sorgen um Qualität und monetäre Wertschätzung. Zwischen der Offenheit gegenüber neuen Technologien und ethischen Bedenken gegenüber ihrer Nutzung.

Wenn KI zur (gefühlten) Konkurrenz wird

Bleiben am Ende nur Lektor*innen übrig, die KI nutzen (können und wollen)? Gilt wirklich, dass KI keine Menschen ersetzt – aber Menschen, die KI nutzen, bald andere ersetzen, die das nicht tun? Oder muss man hier stärker differenzieren: Bei welchen Tätigkeiten kann KI sinnvoll eingesetzt werden und bei welchen nicht?

Im Bereich Übersetzungen und Lektorat können Maschinen Menschen jedenfalls in vieler Hinsicht nicht das Wasser reichen, weil es zum sinnvollen Übertragen eines Textes in eine andere Sprache und Kultur und zum Überarbeiten von Manuskripten Emotion und Empathie braucht. Die KI erkennt nicht, was wörtlich und was ironisch gemeint ist; Humor lässt sich selten eins zu eins übersetzen. Auch das Anziehen des Tempos, um Spannung zu erschaffen, funktioniert in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich. Eine KI hat kein Rhythmusgefühl, ein Mensch schon. All das können nur Übersetzer*innen einem Text mitgeben, nur Lektor*innen wirklich bewerten und prüfen.

Dennoch scheint die KI zu Auftragsverlust zu führen oder zumindest dazu, dass viele einen Auftragsverlust fürchten – das zeigte eine Kurzumfrage. Eines der dringlichsten Themen neben dem potenziell drohenden Job-/Auftragsverlust war für die Mitglieder der KI-Lounge aber der Qualitätsverlust in Texten. Urheberrecht und Datenschutz standen ebenfalls weit oben auf der Liste – und qualifizieren sich als Thema für künftige KI-Lounges.

Von der Notwendigkeit eines „Human in the Loop“

Bei der Frage, wie die Anwesenden die Auswirkungen von KI auf die Auftragslage in zwei Jahren einschätzen, war das Bild gemischt. Die meisten Nennungen bekam die Option „negativ“, fast ebenso viele aber die Option „neutral“. „Sehr negativ“ und „positiv“ wurde nur vereinzelt gewählt. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Lektor*innen ihre Vorzüge und außergewöhnlichen Fähigkeiten manchen Kundschaftsgruppen gegenüber besser kommunizieren müssen: Warum braucht es dringend einen „Human in the Loop“, also einen Menschen in der Entscheidungskette? Welche Expertise haben Lektor*innen, die durch KI nicht ersetzt werden kann?

Jemand ohne Textkompetenz wird auch mit KI keinen guten Text erschaffen können. Alles hängt von der Qualität der Prompts ab und von dem Wissen, was einen guten Text ausmacht. Positive Stimmen vermerkten, dass es in der Zukunft auch einen Shift geben könnte: Vielleicht steigt irgendwann die Nachfrage nach denjenigen, die noch „richtiges Schreiben“ beibringen können.

Wie wird KI im Lektorat derzeit genutzt?

Die KI kann nicht nur beim Schreiben helfen. Tatsächlich gaben die Teilnehmer*innen der KI-Lounge diese Option relativ selten an. Am häufigsten genannt wurde der KI-Einsatz in der Recherche, mit etwas Abstand folgte KI-Unterstützung für Ideenfindung, Korrektorat und Marketing. Auch Stilprüfung/-überarbeitung sowie Übersetzungen/Kürzungen wurden häufiger genannt. Manche setzen KI zur Administration ein, zur Plotprüfung nur ganz wenige. Es gibt allerdings auch einige Mitglieder, die – aus verschiedenen Gründen – KI überhaupt nicht nutzen.

Gerade weil viele VFLL-Mitglieder mit urheberrechtlich geschützten Texten arbeiten, ist der Einsatz von KI im Lektorat zusätzlich erschwert und aus Datenschutzgründen problematisch. Wo KI aber unterstützen kann, sind beispielsweise Bereiche wie Administration, E-Mail-Erstellung etc. Schließlich besteht die Selbstständigkeit aus vielen unterschiedlichen Bausteinen von Marketing bis Buchhaltung, und gerade in den angrenzenden Bereichen kann KI für Solo-Selbstständige unter Umständen eine Hilfe sein.

Doch was braucht man, um KI sinnvoll nutzen zu können? Die häufigsten Antworten: Prompt-Schulungen und ‑Tipps. Ähnlich wichtig sind den VFLL-Mitgliedern ethische Alternativen zu den großen KI-Modellen, rechtliche Sicherheit und Workshops zu den unterschiedlichen Tools, die zur Verfügung stehen. Auch hier könnten Themen für künftige KI-Lounges liegen. Viele wünschten sich auch einen Austausch zu Best Practices in der Anwendung bestimmter KI-Tools und zu alltagsnahem Workflow mit KI. Ein erster Tipp aus der Lounge für bessere Prompts sei schon hier verraten: Wenn man einen Prompt schreibt, kann man direkt folgende Anweisung hinterherschieben: „Bevor du mir das beantwortest, stell mir 5 Fragen, damit du genau weißt, was ich möchte.“

Ethische Komponente von KI

Genau solche Formulierungen führen jedoch wieder zu anderen Fragen: Vermenschlichen wir KI zu sehr, wenn wir „mit ihr reden“? Wie kann man guten Gewissens LLMs (Large Language Models wie z. B. ChatGPT) nutzen, wenn man weiß, dass sie mit urheberrechtlich geschütztem Material trainiert wurden und welche Konzerne davon profitieren? Wenn man weiß, unter welchen Bedingungen die Datenarbeiter*innen die Modelle trainiert haben? Besonders im Chat wurden Fragen wie diese immer wieder aufgeworfen.

Und genau sie werden Thema der nächsten KI-Lounge am 23. Juli um 11 Uhr sein: Es wird um Datenschutz und Ethik gehen, also um Medienmonopole, Umweltschutz, Menschenrechte und Diskriminierung durch KI. Auch den Termin danach kann man sich im Kalender schon vormerken: 15. Oktober um 11 Uhr. Die Anmeldung erfolgt wieder über die VFLL-Akademie.

Text: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild:
Image by Alexandra_Koch via Pixabay


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