Der Verleger Klaus-Wilhelm Bramann sitzt vor einem Tisch, auf dem Infomaterial über den Verlag ausliegt sowie der Leitfaden Freies Lektorat. Er trägt einen dunkelblauen Blazer über einem hellblauen Pullover und hat die Hände auf dem Tisch gefaltet. Im Hintergrund sind auf einer leuctend pinken Wand alte Zeitungsartikel zu sehen, neben ihm steht ein Aufsteller mit Infomaterial.

Tschüss Bramann Verlag! Das Ende einer Ära

Nach über 25 Jahren ist Schluss mit den Bramann-Standardwerken über die Buchbranche: Der Bramann Verlag wird spätestens 2029 seine Türen schließen und gibt schon jetzt keine neuen Titel mehr heraus. Das gab der Verleger Dr. Klaus-Wilhelm Bramann im Frühjahr bekannt. Wir haben mit ihm über die Verlagslandschaft und seine Zusammenarbeit mit dem VFLL gesprochen.

Der Bramann Verlag schließt voraussichtlich in drei Jahren seine Türen. Warum hören Sie auf – und kann es vielleicht doch noch sein, dass jemand den Verlag übernimmt?

Ja, es kann ja sein, dass es so einen verrückten Menschen wie mich gibt! Ich mache seit 50 Jahren Buchhandel und nichts anderes. Aus drei Gründen höre ich jetzt auf: Die Ausbildungsliteratur muss sich einem Ausbildungsmarkt anpassen, der auf digitales Lernen geht. Gedruckte Exemplare verkaufen sich nicht mehr so gut, diese Umstellung will ich aber nicht mehr mittragen. Mein zweites Standbein waren die Bramann Basics für den Uni-Bereich. Da hat mir die letzte Urheberrechtsnovelle einen Strich durch die Rechnung gemacht: Die Studierenden wissen zwar von den Büchern, aber gehen nur mit dem Stick zur UB und ziehen sich das ganze Buch runter. Sie kaufen es nicht mehr. Das dritte Standbein war der VFLL, wo ich immer noch zufriedenstellend verkaufe – der Leitfaden ist einer der besseren Titel bei mir. Das ändert aber nichts daran, dass ich seit zwei, drei Jahren mit dem Verlag im Negativbereich arbeite und mein Erlös aus der Beratungstätigkeit resultiert. Aber ich bin da nicht traurig! Ich weiß, wie Change-Prozesse ablaufen. Letztes Jahr habe ich das Buch „Übergabe im Buchhandel“ gemacht, da habe ich gemerkt: Das ist mein letztes Buch. Dieses Werk über den Verkauf von Buchhandlungen war ein Herzensprojekt – auf dass es die Spezies „Buchhandlung“ noch lange geben möge! Doch zum ersten Mal fiel mir die Arbeit an einem Werk schwer.

„Es war eine absolute Win-Win-Geschichte –
für den Verband wie auch für mich.“

Inwiefern? Was war diesmal anders?

Ich habe Bücher in den letzten Jahren „nebenher“ gemacht, wobei die Arbeit mit Büchern aufwendig und mitunter auch körperlich anstrengend ist: Texte redigieren, Korrekturlesen, Anzeigenkunden suchen und finden – und das alles neben den betriebswirtschaftlichen Jahresauswertungen für rund 20 Buchhandlungen im ersten Quartal eines Jahres. Als das Buch im April fertig war, dachte ich: „Das ist auffällig. Ich habe schon so viele Bücher gemacht, die bestimmt viel, viel schwieriger waren, die mir aber nicht schwerfielen.“ Das habe ich als Indiz für einen bevorstehenden „Abschied“ interpretiert. Schließlich sollte man sein Arbeitsleben beenden, wenn es die Zeit erfordert. Ich habe vier Enkelkinder und nicht nur den Beruf vor Augen, denn ich weiß mich durchaus anderweitig sinnvoll zu beschäftigen.

Was tun Sie denn zum Beispiel?

Vor Kurzem habe ich kommissarisch die Geschäftsleitung des Ypsilon-Buchladens im Frankfurter Nordend übernommen. Unter dem Motto „Ypsilon 2.0“ versuche ich, der ehemaligen linken Kultbuchhandlung moderne Impulse zu geben. Das Team spielt super mit und das macht mir sehr viel Freude! Da wäre „Verlagsarbeit nebenher“ eher hinderlich.

Wollen wir am Ende trotzdem kurz über den Anfang reden? Wie kam es denn, dass Sie damals nach 15 Jahren Lehrtätigkeit an den Schulen des Deutschen Buchhandels (heute Mediacampus) beschlossen haben, einen Verlag zu gründen?

Es gab zwei Gründe. Der erste ist, was man so Midlife-Crisis nennt. In den 40ern meinen ja viele Menschen, dass sie noch mal neu anfangen müssen. Alle Kollegen haben irgendwas nebenher gemacht – und auch ich habe nach einem Neubeginn gesucht. Der zweite Grund war, dass mich geärgert hat, dass es keine guten Lehrbücher gab. Das klingt jetzt vielleicht irgendwie großkotzig, aber ich war lange in Prüfungsausschüssen und die Bücher waren einfach schlecht. Ich hatte meine Azubis vor Augen, die sich mit keinem der Bücher am Markt gut auf die Prüfung vorbereiten konnten. Deshalb habe ich mich berufen gefühlt, einen Verlag für „meine“ Buchhändler zu machen.

Dass sich aus diesen „Büchern für Buchhändler“ dann „Bücher für Medienberufe“ entwickelt haben, lag am Markt. Denn ich musste einsehen, dass Buchhändler selbst für die eigene Ausbildung selten Bücher kaufen. Schließlich sind sie es gewöhnt, von Verlagen Leseexemplare geschenkt zu bekommen. Aber zum Glück hatte ich einen guten Draht zu den Fachklassen [Anm. d. Red.: Berufsschulklassen], von denen es seinerzeit über 20 in Deutschland gab; die haben meine Bücher im Unterricht eingesetzt, sodass meine beiden Standardwerke „Wirtschaftsunternehmen Verlag“ und „Wirtschaftsunternehmen Sortiment“ fünf Auflagen erleben durften. Es war ein sehr interessanter Teil meines Lebens!

Das waren also die Anfänge, und wie ging es weiter?

Nebenher hatte ich immer Augen und Ohren auf. Am Mediacampus habe ich auch die Gründungsüberlegungen des VFLL mitbekommen. Ich habe mit Carla Meyer auf der Treppe vor einem Seminarraum gesessen und sie hat darüber philosophiert, dass man die freien Lektorinnen und Lektoren besser vernetzen müsse. Auch wenn sich damals für mich nichts Konkretes aus diesem Treffen ergab, fand ich den Gedanken uneingeschränkt sinnvoll. Überhaupt ist jedes Jahr etwas Spannendes passiert: ein neuer Titel, eine neue Auflage, ein großartiges Projekt über meine Beratungstätigkeit. So habe ich es geschafft, als Freiberufler meine Familie „durchzukriegen“, was für mich stets das Wichtigste war. Verlegerei ist schließlich auch ein Brotberuf. Da bin ich ehrlich – auch wenn in unserer Branche nur wenige über Geld sprechen.

„Bücher machen ist ja kein Problem und digitale Texte erstellen erst recht nicht. Nur wie man diese zu Geld macht – das ist schon schwieriger.“

Weil Sie den VFLL erwähnt haben: Wie erinnern Sie sich an die Zusammenarbeit zum Leitfaden Freies Lektorat?

Das war super! Mit Christiane Kauer und Ute Gräber-Seißinger haben wir „kurze Wege“ in doppelter Bedeutung praktiziert, sowohl räumlich als auch organisatorisch. Beide wohnen im Umkreis von 5 Kilometern von mir. Einige Mails sowie zwei Besprechungen in einem Bad Vilbeler Café und Unterschriften unter dem Ergebnisprotokoll der letzten gemeinsamen Sitzung – das war’s. Damit war der Vertrieb des Leitfadens, den ich zur 11. Auflage übernahm, unter Dach und Fach. Es war eine absolute Win-Win-Geschichte – für den Verband wie auch für mich. Der Vertrieb funktionierte einwandfrei und immer problemlos, die Zusammenarbeit war sehr angenehm.

Was glauben Sie nach Jahrzehnten in der Branche: Was muss eine Person mitbringen, die heutzutage noch Verleger*in werden will?

Na ja, die Frage ist, in welchem Bereich man Verleger werden will. Wenn es einen Nachfolger von mir gäbe, müsste er viel mehr digital denken. Ich mache ja E-Books als Zweitverwertung. Er müsste aber schauen, wie er daraus eine Erlössituation macht, wie man damit Geld verdient. Das ist das Problem, das ich als „Digital Immigrant“ nie lösen wollte und konnte. Bücher machen ist ja kein Problem und digitale Texte erstellen erst recht nicht. Nur wie man diese zu Geld macht – das ist schon schwieriger.

„Modern würde man sagen: Wir sitzen am runden Tisch.
Ganz mein Kommunikationskonzept.“

Sie haben sich zum Großteil durch die Beratungsschiene finanziert, die Sie noch weiterführen, oder?

Ja, seit Jahren habe ich mich zunehmend über die Beratung finanziert. Die ersten zehn Jahre meiner Freiberuflichkeit habe ich stark in den Verlag investiert. Dann folgten zunehmend Beratungen und Seminare für Buchhändler und Verleger. Dabei bin ich viel durch die Republik gereist. Aus der Seminarschiene entwickelte sich fast zwangsläufig das Beratungsgeschäft, mehr als einmal in Form von Gründungsberatungen für Buchhandlungen. Das mache ich seit zehn Jahren recht intensiv. Ich habe zwei Erfahrungsaustauschgruppen mit den Buchhandlungen, denen ich bei der Gründung geholfen habe und die dann einfach bei mir geblieben sind.
Diese Erfa-Gruppen – Erfa bedeutet Erfahrungsaustausch – treffen sich jährlich und sind sozusagen eine betriebswirtschaftliche Form des Networkings. Wir legen unsere Zahlen offen, reden über Handelsspanne, Gewinnsituationen, über Kosten … Es ist für alle in den Gruppen gewinnbringend, den anderen zuzuhören, denn die Probleme sind vergleichbar. Das sind immer sehr, sehr schöne Runden, die ich als „primus inter pares“, also als „Erster unter Gleichen“, begleite. Ich bin der, der einlädt und moderiert. Modern würde man sagen: Wir sitzen am runden Tisch. Ganz mein Kommunikationskonzept.

Können Sie ein Fazit ziehen über Ihre Zeit mit dem Verlag?

Das war eine sehr, sehr aufregende Zeit als Jungunternehmer. Ich habe erfahren, wie man Marktlücken sucht, findet und zufriedenstellt. Ich habe sehr viel für mich gelernt – mit jedem der Autorenwerke, die ich alle eigenhändig lektoriert habe. Auch wenn es über die Jahre einige Frustmomente gab, hab ich unter dem Strich viel mehr Freude als Misserfolge gehabt. Wir – ich und meine Frau, die den gesamten technischen Part unseres Kleinunternehmens übernahm – haben unser Leben finanziert und konnten fürs Alter vorsorgen. Gleichzeitig war der Verlag immer etwas, das mich fit gehalten hat. Aber jetzt kümmere ich mich lieber um die Enkelkinder und Buchhandlungen. So wird es nie langweilig und ich habe immer mit Menschen zu tun – für mich gibt es nichts Sinnvolleres.

Interview: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild: Photowerkstatt Mike Schmidt (Klaus-Wilhelm Bramann auf der Fachtagung des VFLL 2024)

Der Vertrieb des „Leitfadens Freies Lektorat“ ist weiterhin in vollem Umfang gewährleistet. Bestellen kann man ihn hier, VFLL-Mitglieder bekommen Rabatt (Infos dazu hier im Mitgliederbereich, vorheriger Login notwendig).
Über das gesamte Programm des Bramann Verlags informiert die Website.


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Unsere Mitglieder haben nicht nur den Leitfaden Freies Lektorat verfasst, sie schreiben auch andere Bücher:
„All unsere Vergangenheiten“ von Nicci Schmieder
„Bodo Kampmann. Ein Künstlerleben in Braunschweig“ von Bärbel Mäkeler
„Roadtrips Australien“ von Nina Waldkirch
„Ein gutes Ende“ von Clara Bachmann
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„Papiere schöpfen & gestalten“ von Eva Hauck

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