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Die AG KI hat getestet: Manuskriptanalyse mit narratiQ

In der Flut an unverlangt eingereichten Manuskripten für Übersicht und Orientierung sorgen, das verspricht das KI-gestützte Tool narratiQ. Die Entwickler hatten dabei zunächst Verlage im Blick. Aber eignet sich die Softwarelösung auch für freie Lektor*innen? Die AG KI des VFLL hat einige Testläufe gemacht und ihre Eindrücke festgehalten.

Test 1: Krimi

Marion Voigt, 14.2.2026

Wählt man sich auf der Seite von narratiQ mit dem erworbenen Code ein, legt man zunächst ein Profil an, derzeit entweder als Autor*in oder Verlag. Für meinen Test wählte ich ein Verlagsprofil und stattete es mit Parametern wie Zielgruppe, Verlagsphilosophie, Genres etc. aus. Im zweiten Schritt folgt der Upload des Manuskripts. Nach circa 15 Minuten ist die Manuskriptanalyse fertig und steht als PDF zum Download zur Verfügung. Der Preis pro Einzelanalyse beträgt 79 Euro. Es gibt Rabattmöglichkeiten je nach Bezugsmenge.

Wichtig: Kein Manuskript verlässt die narratiQ-Welt, die Plattform ist vollständig DSGVO-konform. Auch fremdsprachige Texte in 19 verschiedenen Sprachen können hochgeladen und auf Deutsch ausgewertet werden.

Der Analysebericht zu meinem Manuskript, einem Krimi mit 220 Normseiten, umfasst 15 Seiten. Sie enthalten 10 Abschnitte von „Übersicht“ über „Plot und Dramaturgie“ sowie „Stil und Erzähltempo“ bis „Gutachten“ mit Cover-Briefing und Marketing-Keywords.

Es wird deutlich, dass das Tool noch im Betastadium ist. Zum Beispiel sind die angegebenen „Vergleichstitel“ teils unpassend, auch die Konsistenz von Kategorien und Begrifflichkeiten halte ich für verbesserungswürdig. Die Betreiber feilen weiterhin an kritischen Punkten und nehmen Feedback bereitwillig auf.

Sehr positiv finde ich, dass in vielen Abschnitten jeweils Stärken und Schwächen des hochgeladenen Manuskripts sowie Empfehlungen aufgeführt werden. Auch Zuspitzungen, etwa beim „7-Wörter-Pitch“, eröffnen interessante Perspektiven auf den untersuchten Text.

Mein Fazit: Wenn das Analysetool weiterentwickelt wird, kann narratiQ gezielt bei der schnellen Beurteilung von Manuskripten unterstützen. Für Anwendungsfälle im freien Lektorat wie Gutachten- oder Exposéerstellung bietet es eine belastbare Grundlage, um differenzierte Aussagen treffen zu können. Wie immer beim Einsatz von KI gilt auch hier, dass nichts ungeprüft übernommen werden sollte.

Test 2: Unterhaltendes Sachbuch

Ines Balcik, 17.2.2026

Zum Testzeitpunkt ist narratiQ auf die Analyse von fiktionalen Texten spezialisiert. Wer die Website besucht, kann sich mit einem Gastzugang einloggen und sich in einer Demoversion die Analysen zu einigen Manuskripten anzeigen lassen. Zurzeit ist die Startseite aus „Verlagssicht“ sichtbar, eine „Autorensicht“ soll folgen. Der Bereich Sachbuch wird aufgebaut.

Ich habe einen Testlauf mit einem Sachbuch gemacht, da hier mein beruflicher Schwerpunkt liegt. Die Datei habe ich als E-Mail-Anhang an die narratiQ-Betreiber geschickt, ein Manuskript von 60 Normseiten. Der Analysebericht kann online eingesehen oder als PDF heruntergeladen werden. Er umfasst 11 Seiten mit Analysen nach verschiedenen Gesichtspunkten.

Besonders hilfreich finde ich die Abschnitte, die den „Argumentationsfluss“ untersuchen. Hier werden ausdrücklich Stärken, Schwächen und Bruchstellen sowohl innerhalb der Kapitel als auch in der Kapitelfolge benannt. Abschließende „Lektor-Insights“ liefern durchaus hilfreiche zusammenfassende Einschätzungen unter anderem zu „Leseniveau“, „Zielgruppenbreite“, „Marktpositionierung“ und „Wettbewerbsvorteilen“.

Mein Fazit: Im Lektoratsalltag könnte mir das Tool dabei helfen, in kurzer Zeit einen guten Einblick in ein unbekanntes Manuskript zu erhalten – vorausgesetzt, die Person, die den Text verfasst hat, ist damit einverstanden, mir das Manuskript zur Analyse mit einem KI-Tool anzuvertrauen. Interessant könnte es auch sein, das Tool ergänzend in den Lektoratsprozess einzubinden, um bestimmte strukturelle oder inhaltliche Überarbeitungen im Manuskript nachverfolgen zu können.

Test 3: KI-geschriebene Kurzgeschichte
(Kinderbuch zum Vorlesen 4–6 Jahre)

Christian Homma, 25.2.2026

Für meinen Test habe ich narratiQ mit einer bewusst KI-generierten Kurzgeschichte gefüttert – grob in Richtung Vorlesebuch (4–6 Jahre). Mich interessierte: Liefert das Tool eine wirklich kritische Einschätzung, wie sie Verlage für Auswahlentscheidungen brauchen?

Positiv: Die strukturierte Aufbereitung ist stark. Vor allem die Übersicht schafft schnell Orientierung, und auch die Analyse der Protagonist*innen ist gut nachvollziehbar. Für eine schnelle Erstsichtung („Worum geht es? Was sind die Bausteine? Wo könnten Baustellen sein?“) ist das sehr hilfreich. Pluspunkt ist außerdem der Datenschutz: Server in Frankfurt sind für professionelle Kontexte ein überzeugendes Argument.

Inhaltlich blieb bei mir aber ein gemischter Eindruck: Die Analyse wirkt insgesamt sehr wohlwollend. Für eine selektionsorientierte Verlagsprüfung hätte ich mir mehr Schärfe gewünscht – also klare Kriterien und eine deutlichere Benennung von Schwächen. Das macht das Tool für Autor*innen, die eine kritische Selbstanalyse suchen, weniger nützlich. Zugegeben ist es dafür auch nicht konzipiert.

Bei der Markteinordnung sehe ich ebenfalls noch Potenzial: Die vorgeschlagenen Vergleichstitel waren nicht besonders passgenau. Perspektivisch könnte hier der größte Mehrwert liegen, etwa wenn narratiQ künftig stärker agentische Funktionen bekäme, etwa eine fundiertere Marktabschätzung oder für Schreibende das Recherchieren passender Agenturen/Einreichwege, vielleicht sogar mit halbautomatischem Versand.

Übrigens: Auch mit einem guten, strikt definierten Prompt in einer generativen KI kommt man erstaunlich weit im Bewerten von Manuskripten und kann damit eine „Verlagsprüfung“ (Zielprofil-Abfrage, Belegpflicht, harte Kriterien, Go/Maybe/No-Logik) auf Texte anwenden. Die letzte Entscheidung trifft aber – wie bei narratiQ auch – immer der Mensch.

Mein Fazit: narratiQ überzeugt durch Struktur, Übersicht und Datenschutz. Für eine wirklich kritische Manuskriptbeurteilung fehlt mir aktuell noch die analytische Härte – und bei der Kategorie Markt/Vergleichstitel ist noch Luft nach oben.

Test 4: Autofiktionaler Roman

Henrike Doerr, 2. 3.2026

Ich habe narratiQ mit dem derzeit beliebten Genre Autofiktion getestet. Das Genre konnte ich in meinem Testlauf jedoch nicht selbst wählen, es wurde von den Betreibern voreingestellt. Da diese als Genre Dark Romance ausgewählt hatten, waren die Aussagen zur Passung folgerichtig nicht sehr aussagekräftig.

Die Analyse wirkt mit 16 Seiten auf den ersten Blick sehr umfangreich. Es gibt Inhaltsangaben in unterschiedlichen Längen für die schnelle Orientierung, eine Analyse von Spannungsbogen, Dramaturgie und Wendepunkten und auch das Figureninventar wird gelistet. Das klingt alles beeindruckend. Insbesondere, weil die einzelnen Aspekte mit Grafiken, Kurvendiagrammen und dergleichen mehr angereichert sind.

Der genauere Blick enttäuscht dann jedoch etwas. Die Analyse bleibt meiner Meinung nach an der Oberfläche und wirkt eher wie eine Fleißaufgabe. Auch bleiben manche Bewertungen nicht intuitiv nachvollziehbar. So wird die Figurenentwicklung in Prozent angegeben. Was genau soll das ausdrücken? Die Einordnung bleibt lückenhaft, die knapp gefasste Erklärung ändert daran nicht viel.

Gelungen finde ich hingegen den Hinweis auf die Schwächen bei der Figurenzeichnung, die als Risiken angegeben werden. Hier kommt das Tool zur selben Einschätzung wie ich. Allerdings bemerke auch ich – wie Christian Homma – eine sehr und für meinen Geschmack zu diplomatische, vorsichtige Nennung der Schwächen. Möchte ich als freie Lektorin mit Autor*innen am Manuskript arbeiten, bleibe ich zwar immer diplomatisch. Ich sorge jedoch dafür, dass wirklich verstanden wird, was zu verbessern wäre. Das leistet die Analyse von narratiQ nicht.

Diese Erkenntnis leitet direkt über zur Frage, ob das Tool für freie Lektor*innen eine sinnvolle Ergänzung in der täglichen Arbeit sein kann. Ich sehe hier eigentlich nur dann einen konkreten Nutzen, wenn wir in Verlagsauftrag Gutachten für Manuskripte erstellen sollen. Das ist ja auch der eigentliche Einsatzzweck des Tools. Darüber hinaus wirken die Analysen auf mich zu oberflächlich, als dass sie eine Hilfe in der Manuskriptbearbeitung sein könnten. Es ist diesbezüglich ja auch noch zu bedenken, dass narratiQ kostenpflichtig ist und sich damit die Kosten-Nutzen-Frage stellt.

Mein Fazit: Ein starkes Plus ist, dass narratiQ DSGVO-konform ist. Wer darüber hinaus anschauliche Grafiken und Kurvendiagramme mag, wird bei narratiQ fündig. Für den anvisierten Einsatzzweck – die Manuskriptpassung für Verlage – ist das Tool sicher hilfreich. Darüber hinaus sehe ich im freien Lektorat wenig Nutzen, da die Beurteilungen zu oberflächlich bleiben.

Redaktion: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild: Logo Copyright by narratiQ

Marion Voigt: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Ines Balcik: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Christian Homma: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Henrike Doerr: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis


Zum Weiterlesen:
Warum narratiQ Lektorat nicht ersetzt, sondern nur schneller macht – zum Interview mit Patrick Meier im Börsenblatt

Noch mehr zum Thema KI im VFLL-Blog:
Wie gut ist Textshine? Das KI-Tool im Test
„KI nicht als Konkurrenz, sondern als Werkzeug zu begreifen“: Interview mit Kathrin Nägele
Zum Interview mit Sophie Niemann, die KI-Beauftragte im Vorstand

4 Gedanken zu „Die AG KI hat getestet: Manuskriptanalyse mit narratiQ

  1. Hans Peter Roentgen

    Liebes KI-Team,
    der Test berichtet das, was ich mit Chatgpt habe erfahren können. Auch dort kann man mit entsprechender Fragestellung eine Beurteilung erhalten, die aber ebenfalls auf dem Niveau von eurem Text verläuft.
    Testet man aber einzelne Szenen oder Texte und fragt, was gut ist und was man verbessern könnte, erhält man schon eine brauchbare Analyse, wo Arbeit nötig ist.
    Ich habe den Eindruck, dass viele vorhandene KIs nutzen, um daraus spezielle Agenten mit (angeblichem) Nutzen für Autoren und Lektoren zu erstellen, deren praktischer Mehrwert aber nicht immer eindeutig ist.
    Herzliche Grüße,
    Hans Peter Roentgen

    Antworten
    1. Marion Voigt

      Lieber Hans Peter,
      danke für Deine Einschätzung, einen ähnlichen Eindruck hat auch Christian aus seinem Test gewonnen. Die Frage ist wohl tatsächlich, wie versiert man in der Nutzung des jeweiligen LLM ist, wie gezielt man fragt und nachjustiert. Um eine brauchbare Analyse zu bekommen, ist eben auch einiges an Übung nötig.
      Herzliche Grüße
      Marion

      Antworten
  2. Diana Steinborn

    Liebes KI-Team,
    ganz herzlichen Dank für Eure Tests, für die hilfreichen Resümees und natürlich für Eure Zeit, die Ihr da reingesteckt habt! Wieder einmal super interessant. Danke!
    Herzliche Grüße
    Diana

    Antworten

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