5 Holz-Spielfiguren stehen nebeneinander, alle in einer anderen Farbe, alle mit einem anderen Emoticon-Gesichtsausdruck und kleinen Perücken aufgesetzt. Links weint die blaue Figur, daneben streckt grün erschöpft die Zunge raus, rot gähnt herzhaft, gelb lacht fröhlich und weiß staunt mit offenem Mund.

Was macht man im Spielelektorat?

Nichts bremst einen guten Spieleabend schneller aus, als wenn man ewig über der Anleitung hängt. Aber wie schreibt man gute Spielanleitungen? Wie viel Text haben Spiele eigentlich – und was muss man beim Lektorieren beachten? Katja Mattsson berichtet aus dem Praxiskurs Spielelektorat.

von Katja Mattsson

Mittwochmorgen, 8:55 Uhr! In den Fingern kribbelt es schon ein wenig, denn ab heute darf ich mich fünf Wochen lang an je zwei Vormittagen mit einem Herzensthema beschäftigen: Brettspiele.

Ich spiele schon länger, als ich denken kann – da war es naheliegend, dass ich sofort Feuer und Flamme für diese Fortbildung war, als der Spieletexter Michael Csorba sie einige Wochen zuvor in unserer RG Niedersachsen/Bremen vorgestellt hat. Er gab uns einen Überblick über das, was er geplant hatte und für mich reichte das schon, um gleich am nächsten Tag meinen Platz zu buchen.

Auf die Spiele, fertig, los!

Als es endlich 9 Uhr ist und wir in den Zoom-Raum gelassen werden, bin ich nicht überrascht, so viele bekannte Gesichter aus Niedersachsen und Bremen in den Kacheln zu sehen. Vermutlich hat Michael sie mit seiner Vorstellung genauso abgeholt wie mich. Insgesamt sind wir zehn Teilnehmerinnen aus unterschiedlichen Regionalgruppen, die alle ihre Begeisterung für das Spielen mitbringen. Das trägt sogleich zu einer entspannten Atmosphäre bei und so soll es das ganze Seminar bleiben.

Einen ersten Blick aufs Programm der nächsten Wochen konnten wir schon auf der Lernplattform Moodle erhaschen. Dort wurden für uns im Vorfeld Unterlagen wie Spielanleitungen und Arbeitsblätter eingestellt, die wir zur Vorbereitung ansehen konnten.

Unser Dozent Michael hat eine zwanglose und gelassene Art und seine Einrichtung im Hintergrund macht ihn gleich noch sympathischer: Er sitzt vor einem bunten Regal voller Spiele, die im Laufe des Seminars immer wieder als Beispiele herhalten. Seine Eisbrecherfragen zum Kurseinstieg sorgen gleich für Spaß und extra viel Motivation: Mal sollen wir ein Spiel in nur einem Satz beschreiben, damit die anderen es erraten, mal geht es um unsere persönlichen Guilty Pleasures in Sachen Brettspiele – egal ob Boosterpacks, Würfelsammlung oder Kartensleeves. Was auch gesagt wird, wir sind damit in dieser Runde in guter Gesellschaft, lachen viel und erkennen uns auch in den heimlichen Vergnügen der anderen wieder. Denn wer kann schon an einem besonders schönen Brettspiel vorbeigehen, ohne es zu kaufen?

Und dann geht es direkt los.

Aber Moment – Spielelektorat, was ist das eigentlich genau?

Spiele haben mehr Text, als man denkt: Es gibt die Spielregeln, doch Texte gibt es auch auf Spielkarten, Tableaus und anderen Komponenten. Dabei ist es genauso wichtig wie bei einem Buch, dass alles verständlich ist und die Zusammenhänge klar werden.
Ein gutes Lektorat denkt auch hier mit: Wird alles beschrieben? Passen die Beschreibungen zum Spiel und zu den Komponenten – auch im Sprachstil? Sind die Regeln nachvollziehbar? Und was ist eigentlich, wenn ein Spiel eher erzählerisch ist? Mit all diesen Fragen werden wir uns während des Kurses beschäftigen und dabei noch viel mehr entdecken, was bei der Bearbeitung eines Spiels wichtig ist.

Das Seminar teilt sich in fünf Module an zehn Terminen, sodass wir in den kommenden Wochen viele Themen bearbeiten werden. Unser Weg führt uns zuerst zu Kinder- und Familienspielen, dann zu Kennerspielen, die etwas komplexer sind, bis hin zu Expertenspielen, die sich durch eine hohe Komplexität und oft lange Spieldauer auszeichnen. Aber auch abstrakte und thematische Spiele sowie das Übersetzungslektorat und die Lokalisierung, also die Übersetzung und Anpassung eines Texts unter Berücksichtigung des Zielmarkts, begleiten uns durch den Kurs.

Zurück zum Anfang

Der erste Tag steht ganz im Zeichen der Grundlagen und nachdem wir uns ein wenig kennengelernt und über unsere persönlichen Spielevorlieben geplaudert haben, geht es ans Eingemachte.

Wir lernen, dass der Spielemarkt ein wachsender ist und dass es sich bei Spielen ähnlich verhält wie bei Büchern: Verlage bringen eigene Spiele auf den Markt, lizenzieren aber auch Spiele aus dem Ausland. Schon in der ersten Theorieeinheit glüht mein Stift. Ich mache mir fleißig Notizen zu all den Dingen, die Michael uns beibringt, aber auch zu dem, was die anderen in die Runde geben. Der Austausch ist lebhaft und konstruktiv; alle bekommen die Gelegenheit, ihre Gedanken und persönlichen Erfahrungen einzubringen.

Welche Problemfelder gibt es im Spielelektorat eigentlich?

In unserer ersten Gruppenarbeit beschäftigen wir uns damit, auf welche Probleme wir im Spielelektorat stoßen können. In mehreren Breakout-Räumen diskutieren wir diese Fragestellung zu dritt. Da wir alle viel spielen und um die Fallstricke guter Spielregeln aus der Praxis wissen, haben wir schnell eine lange Liste mit Antworten beisammen. In der großen Runde tragen wir unsere Ergebnisse zusammen und Michael gibt uns noch zusätzlichen Input. Gemeinsam kommen wir unter anderem auf Logikfehler und Regellücken in den Spielregeln, Verweise innerhalb des Spielmaterials oder gar die Sinnhaftigkeit von Bildern und Beispielen sowie die Ansprache in Regeltexten. Auch hier lässt sich der Bogen zu Belletristik und anderen Texten schließen: Je nach Textsorte und Zielgruppe muss man auf andere Aspekte achten und jedes Spiel ist anders – das macht es auch so spannend.

Spiele für jede Gelegenheit

Michael hat zu allen Fragestellungen und Übungen Beispiele parat. So zeigt er uns beispielsweise, wie ein Druckbogen für die Karten des Science-Fiction-Spiels SETI aussieht und wo es dort Querverweise auf andere Karten und Komponenten gibt. Mir hilft das sehr, ein Gefühl dafür zu bekommen, worauf ich achten muss. Schließlich ist für das Spiel wichtig, dass am Ende alle Bestandteile inhaltlich und formal zusammenpassen. Letztendlich sollen die Spielenden Spaß haben und nicht von Anleitung und Co. frustriert werden. Gelegentlich zeigt Michael uns auch voller Begeisterung das Innenleben eines Spielekartons und so dürfen wir alle einen Blick auf verschiedene Spielkomponenten werfen, die wir soeben besprochen haben. Immer wieder hält er Spielsteine und Tableaus in die Kamera, zeigt uns Karten und was sonst noch im Karton des jeweiligen Spiels steckt.

Von Spielregeln und Flavor-Texten

Gemeinsam sehen wir uns auch an, was genau in das textlastigste Element eines Spiels gehört: die Spielregeln. Spätestens das ist der Punkt, an dem in der Gruppenarbeit die ersten von uns zu ihren Regalen gehen, das eine oder andere Spiel in die Hand nehmen und die Regeln mit einer älteren Auflage vergleichen (das zählt übrigens nicht als Schummeln!). Viele Komponenten haben die meisten Spiele gemein – Anzahl der Spielenden, Spieldauer, Impressum. Aber sobald sie thematischer werden, geht es auch um erzählerische Komponenten wie den Flavor-Text. Das ist eine Art Einleitung, die in die Thematik des Spiels einführt und neben der Rahmenhandlung auch die Stimmung vermittelt.

Wir stellen fest, dass die Schachanleitung aus einer Standard-Spielesammlung wenig erzählend und sehr schematisch ist, während andere Spiele die Spielenden von Beginn an auch sprachlich in ihre Welt entführen und diese Spannung sowie den Ton in der weiteren Beschreibung aufrechterhalten.

Auch um wichtige Themen wie das Gendern geht es und wir lernen, dass Spieleverlage immer mehr auf die Ansprache der Spielenden achten. Dabei haben wir als Lektor*innen unterschiedliche Möglichkeiten, wie wir die Spielenden ansprechen. Wir können eine direkte Ansprache wählen: „Wenn du an der Reihe bist, ziehst du zuerst eine Karte vom Nachziehstapel.“ Alternativ greift man erzählerische Elemente aus dem Spiel auf: „Die Giraffe, die an der Reihe ist, würfelt.“ Auch Genderzeichen wie der Asterisk kommen gelegentlich zum Einsatz: „Startspieler*in ist, wer zuletzt Kuchen gegessen hat.“

Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit wie im Flug

Nach den zehn Terminen sind wir uns einig: Die Zeit ist viel zu schnell vergangen und wir hätten noch gut mehrere Wochen gemeinsam lernen und arbeiten können! Weil wir uns so gut verstanden und das Seminar sehr genossen haben, kommt schnell die Idee einer Teilnehmerin, sich auch außerhalb des Kurses zu vernetzen. Wir sind schließlich vorbildliche Lernende, die Theorie und Praxis miteinander vereinen wollen, und planen deswegen virtuelle Spieleabende. Der erste lässt dann auch nicht lange auf sich warten und wer weiß, ob wir nicht zur Fachtagung im Herbst einfach ein paar Spiele in den Koffer packen. Wenn noch etwas für das Abendprogramm fehlt, hätte ich da so eine Idee …

Der nächste Praxiskurs „Spielelektorat“ startet am 10. Juni 2026. Informationen zum Kurs und zur Anmeldung gibt’s hier.
Mehr zum Fortbildungsprogramm des VFLL findet man auf der Website der VFLL-Akademie und im kurzweiligen Magazin „Fortbildung aktuell“ (abonnieren nicht vergessen!).

Redaktion: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild: Cover: Image by Alexa from Pixabay

Katja Mattsson: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis

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