Links das Cover von "All unsere Vergangenheiten": ein Gemälde von Pusteblumen vor rötlichen Farben, das restliche Buch ist grau. Daneben ein Porträt der Autorin Nicci Schmieder in schwarz-weißer Bluse, den Kopf in die Hand gestützt.

Nicci Schmieder und ihr literarisches Brandenburg

Wie schreibt man einen Roman, in dem Charaktere aus vorherigen Werken zurückkehren? Im Interview mit Nicci Schmieder geht es nicht nur um ihr neues Buch „All unsere Vergangenheiten“, sondern auch um Schreibroutinen, die Entscheidung fürs Selfpublishing und überraschende Promo-Tipps.

„All unsere Vergangenheiten“ erzählt die Geschichte zweier Frauen, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben: Die Fotografin Katja trauert gerade um ihre große Liebe und versucht, sich mit einem beruflichen Neuanfang abzulenken. Doch beim Fotoshooting am Scharmützelsee taucht eine Leiche auf und die Ermittlungen werfen Katja in die Vergangenheit zurück. Zur gleichen Zeit wünscht sich die Teenagerin Magda in Polen mehr als das immer gleiche Landleben. Als sie ihre Schwester in der Großstadt besuchen will, ist die aber nirgends zu finden. Also macht Magda sich selbst auf die Suche und stößt dabei auf einen Mädchenhändlerring.

Du verknüpfst in deinem neuen Roman die Schicksale von zwei sehr unterschiedlichen Frauen miteinander und greifst schwere Themen auf: Es geht um Verlust, Trauer, das Ringen um Neuanfänge. Wie bist du auf die Geschichte gekommen und wann kam die erste Idee dazu?

Eine der beiden zentralen Figuren, Katja, ist eine Protagonistin aus meinem zweiten Roman. Mir steht diese Figur sehr nah, weil sie sehr viel mit meiner Generation zu tun hat und mit dem, was wir erlebt haben. Wir sind ja Kinder der DDR, aber Erwachsene der Bundesrepublik. Ich wollte die Geschichte dieser Figur weitererzählen. Das zweite Buch endet damit, dass sie die Liebe ihres Lebens verloren hat und das Kranichhaus erbt. Da setze ich nun wieder an.

Die Inspiration für die Figur der Magda, die aus Polen kommt, kam aus der Tagespresse. In letzter Zeit sind mir häufiger Geschichten begegnet über Frauen, die an Mädchenhändlerringe verkauft und dadurch zu Prostituierten werden. Das wollte ich in dem Roman aufgreifen, weil ich gerne mit Themen arbeite, die aktuell in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen.

„Wir sind ja Kinder der DDR, aber Erwachsene der Bundesrepublik.“

Versteht man den neuen Roman „All unsere Vergangenheiten“ denn auch, wenn man den Vorgänger „Kraniche im Nebel“ nicht kennt?

Ja, ich habe die Geschichte so angelegt, dass die Vorgeschichte immer wieder angerissen und erzählt wird. Schöner ist es, wenn man „Kraniche im Nebel“ gelesen hat, weil man dann die Hintergründe besser kennt. Aber man kann „All unsere Vergangenheiten“ auch eigenständig lesen.

Wann hattest du das Gefühl, dass die Geschichte von Katja noch nicht ganz zu Ende erzählt ist? Hast du gleich nach dem zweiten Buch das dritte begonnen oder hat das erst eine Weile in dir gearbeitet?

Es ging relativ schnell. Ich greife sogar zwei Figuren auf, die im zweiten Roman eine wichtige Rolle spielen: Neben Katja auch die von Sascha, einem Polizisten. Beide haben Hintergrundgeschichten, die ich nicht fertig erzählen konnte. Deshalb dachte ich mir: Daraus musst du eine weitere Geschichte machen!

Du hast bisher in allen drei Romanen deutsch-deutsche Geschichte erzählt. Auch Katjas Leben ist von der Wende geprägt: Ihr Vater hat die Familie nach dem Mauerfall verlassen, um ein neues Leben im Westen zu beginnen. Was fasziniert dich so an dem Thema, dass du es immer wieder aufgreifst?

Die Faszination liegt in meiner eigenen Geschichte. Wäre der Mauerfall nicht passiert, wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin. Vermutlich hätte ich weder Abitur machen noch studieren dürfen, ich hätte niemals reisen können. Die Wende, dieser Bruch in der deutsch-deutschen Geschichte hat mein Erwachsenwerden extrem geprägt. Deswegen glaube ich: Meine Generation ist wirklich stark davon beeinflusst, bis heute. Natürlich hat es auch die Vorgängergeneration massiv geprägt und die, die nach der Wende geboren und im neuen Osten groß geworden sind. Aber es war noch mal eine andere Sache, in der Wendezeit zwischen zwei Sozialisierungen erwachsen zu werden. Und es war herausfordernd, da nicht unter die Räder zu geraten oder abzurutschen. Dabei sind die Erfahrungen so breit gefächert: Mein Bruder ist nur vier Jahre jünger als ich und ganz anders groß geworden. Er war zehn, als die Mauer fiel, hat noch viel mehr von diesem Abbruch mitbekommen als ich, von diesem Verschwinden eines Landes, das unser beider Kindheit geprägt hat wie nichts anderes in unserem Leben. Ich bin mit 18, gleich nach dem Abitur, in den Westen gegangen und hab das hinter mir gelassen. Er ist noch viel mehr in dieser Lücke groß geworden zwischen unserem alten Leben, das verfiel, und unserem neuen Leben, das erst mal nicht ganz einfach war.

 

Die Autorin Nicci Schmieder bei einer Lesung mit aufgeschlagenem Buch vor sich
Nicci Schmieder bewirbt ihre Bücher regelmäßig bei Lesungen in Bad Saarow – ganz in der Nähe des Orts, an dem die Romane spielen. Rechts ein Plakat mit den nächsten Terminen.

Gab es denn besondere Herausforderungen, als du versucht hast, diese Geschichte aufzuschreiben?

Ja, einige! (lacht) Es ist gar nicht so einfach, zwei bereits erzählte Figuren in die nächste Geschichte zu tragen. Man fängt ja nicht neu an, sondern muss Konflikte rausholen, die schon im Vorgängerbuch geschwelt haben. Gleichzeitig muss man tiefer reingehen in die Konflikte und in die Geschichte, damit es nicht nur ein flacher Abklatsch des Vorgängerbuchs wird. Die Figuren müssen sich weiterentwickeln, und dafür Wege zu finden, das fand ich schwierig. Die größte Herausforderung war aber, die Geschichte zu Ende zu bringen. Ich wusste wirklich lange nicht, wie sie ausgehen soll.

„Als Lektor*innen wissen wir: Das Lektorat muss man immer aus der Hand geben.“

Kam die Erkenntnis dann irgendwann beim Schreiben?

Nein, sie kam mit dem ersten Lektorat. Meine Lektorin meinte: „Also an das Ende müssen Sie noch mal ran! Das geht zu rasant, da wird vieles nicht aufgelöst.“ Daraufhin habe ich das halbe Buch noch mal neu geschrieben, damit die Geschichte gescheit ausgeht. Das war tatsächlich eine Herausforderung: sich die Zeit zu nehmen, noch mal richtig tief in die Geschichte reinzugehen und auch alle Randfiguren hochzuholen. Jede dieser Figuren hat ja eine Rolle und eine Funktion. Sie stupsen die Protagonist*innen darauf, was ihr Problem ist, sie regen an zur Weiterentwicklung. Das ist genau wie im echten Leben, da werden wir ja auch oft von anderen auf Dinge aufmerksam gemacht oder sogar angeschoben.

Wie vereinbarst du selbst die Arbeit als Lektorin mit der als Schriftstellerin? Wie findest du Zeit zum Schreiben?

Durch frühes Aufstehen. Ich schreibe gern zwischen 5 und 7 Uhr morgens, weil ich da die besten Ideen habe. Das klappt in letzter Zeit leider immer seltener, weil gerade viele andere Themen eine Rolle spielen. Aber der Weg zu diesem Buch war frühes Aufstehen und Dranbleiben. Das Buch nicht wochenlang weglegen, sondern lieber jeden Tag ein bisschen was daran tun, auch wenn es mal nicht gut läuft. Was ich auch hilfreich finde: sich eine Auszeit zu gönnen, wenn man einigermaßen drin ist, und sich einige Zeit lang nur aufs Schreiben zu konzentrieren. Ein, zwei Wochen lang klinkt man sich aus, mietet vielleicht irgendwo ein Häuschen und arbeitet kontinuierlich an der Geschichte. Mir hat das ermöglicht, viel tiefer in die Figuren reinzugehen und bei ihnen zu bleiben. Das kann ich empfehlen.

Hast du bestimmte Rituale oder etwas, was dir hilft, mit dem Schreiben anzufangen?

Nicht mehr. Das erste Buch habe ich sehr viel mit einer bestimmten Musik auf den Ohren geschrieben. Da liefen immer zwei, drei Klassik-Sachen, die ich gerne höre. Das war tatsächlich ein Ritual. Jetzt mache ich eigentlich nur noch die Tür zu (lacht). Doch, das ist es vielleicht: Tür zumachen, einfach mal nicht erreichbar sein und loslegen.

Du hast alle drei Romane im Selfpublishing rausgegeben. Was sind daran für dich die größten Vorteile und was die größten Herausforderungen?

Der Vorteil ist: Du hast alles selbst in der Hand. Du kannst alles selbst beeinflussen. Der Nachteil: Du musst alles selbst machen. Niemand übernimmt etwas für dich, außer du hast diese Menschen gezielt angeheuert – sei es fürs Lektorat, fürs Cover, für den Buchsatz. Ich habe da eine ganz gute Mischung gefunden. Lektorat kann und will ich nicht selber machen. Als Lektor*innen wissen wir alle: Das muss man immer aus der Hand geben. Meine Lektorin wurde mir vor vielen Jahren von einem Literaturagenten empfohlen, sie hat alle drei Bücher lektoriert und wir arbeiten gut zusammen. Alles andere habe ich selber gemacht, wobei ich am Vertrieb noch viel intensiver arbeiten müsste. Gerade wenn es um Social Media geht.

„Der beste Verkaufsstand ist das Gartentürchen meiner Mutter.“

Hast du probiert, eines der Bücher an einen Verlag zu geben?

Mit dem ersten Buch hatte ich einen Vertrag mit einem Literaturagenten in Berlin. Wir haben zwei Jahre versucht, das Buch an den Mann, an die Frau, an den Verlag zu bringen. Das hat nicht geklappt, es ist halt Belletristik. Wir wissen alle: Die Verlagsprogramme sind voll mit Belletristik. Da spielen oft gesetzte Autor*innen eine Rolle und es gibt nur ein oder zwei Programmplätze, wo du als Debütantin reinrutschen kannst. Also habe ich mich fürs Selfpublishing entschieden und das hat so gut geklappt, dass ich die anderen zwei Bücher gar nicht erst angeboten habe. Mir macht Selfpublishing Spaß. Ich möchte Einfluss darauf haben, wie es läuft, und das Bild von Selfpublishing hat sich auch gewandelt. Im Verlag wäre ich auch nur eine unter vielen. Nun mache ich mein Ding so, wie ich das mag, ich hab meine kleine Leserschaft und ich habe nicht das Ziel, damit Geld zu verdienen. Wenn das das Ziel wäre, dann wäre das richtig, richtig harte Arbeit. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das möchte. Da würde ich den Spaß an der Sache verlieren.

 

Nicci Schmieder steht vor einem Stahltor, an dem ein grünes Plakat aufgepannt ist. Auf ihm steht "Bad Saarower Lesevergnügen", darunter ein Foto von ihr, ein QR-Code und Infos zu ihr, den Büchern und Lesungen.

Buchverkauf übers Gartentürchen – im Selfpublishing kann man fürs Marketing auch mal kreativer werden

Du bewirbst deine Bücher auch durch Lesungen. Stehen da bald welche an? Welche Promo-Tipps hast du sonst fürs Selfpublishing?

Anfang Juni veranstalte ich wieder eine Lesung in Brandenburg. Da alle meine Geschichten in einem Urlaubsort am Scharmützelsee spielen, ist das immer eine geeignete Gegend für Lesungen. Deshalb ist der beste Verkaufsstand auch das Gartentürchen meiner Mutter, die in Bad Saarow lebt. Dort haben wir ein Plakat aufgehängt mit meinem Konterfei und den Daten zu meinen Büchern, und Spaziergänger*innen, die da vorbeigehen, klingeln und kaufen Bücher. Das generiert jetzt keinen massenhaften Absatz, aber Menschen bauen gerade durch den Regionalbezug eine Bindung zu den Büchern auf und sagen: „Ach, das nehme ich mir jetzt noch mit.“ oder „Das verschenke ich.“ Manche fotografieren auch den QR-Code ab und schreiben mich dann per E-Mail an: „Ich bin bei Ihnen vorbeigegangen, würden Sie mir ein Buch schicken?“ Das ist wirklich schön und eine Sache, die hier in München, wo ich lebe, nicht so gut funktionieren würde.

 

„All unsere Vergangenheiten“ gibt es überall online zu kaufen oder direkt bei der Autorin, auf Wunsch auch mit Widmung. Die nächste Lesung ist am Donnerstag, 4. Juni 2026 um 19 Uhr in der Bibliothek in 15864 Wendisch Rietz, Kleine Promenade 1 (Eintritt frei). Alle Termine findet man auf der Website der Autorin.

Nicci Schmieder: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis

Redaktion: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild: Cover „All unsere Vergangenheiten“, Gemälde Barbara Schmieder, Coverdesign Nicci Schmieder

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