Bild von Carsten Heinisch im schwarzen T-Shirt, auf dem steht: "Halb Mensch, halb Bärchen, ich bin ein Märchen."

Quizgewinner, Sprachen-Nerd und Vorleser: Carsten Heinisch

Er stand bei Johnnes B. Kerner auf dem Siegertreppchen, hat einfach mal so Ungarisch gelernt und im VFLL Überlegungen zu weiteren Vernetzungsmöglichkeiten angestoßen: Carsten Heinisch ist in Rente gegangen. Hier erzählt er, ob ein Geldgewinn das Leben verändert und wie man sich am besten auf den Ruhestand vorbereitet.

Von Birgit Gottschalk

„Abschied aus dem VFLL“, mit diesem Betreff meldete sich Carsten Heinisch Ende Juni 2026 über die Mailingliste des VFLL zu Wort. Nach über 30 Jahren Selbstständigkeit und einer sehr langen Verbandsmitgliedschaft verabschiedete sich heinisch@redaktor.de in den Ruhestand. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Gemeinsam mit Carsten haben wir daher zurückgeblickt, alte Schätze gehoben – und vorausgeschaut auf das, was er sich für die neue Lebensphase wünscht.

Nachträglich noch alles Gute zum Ruhestand, Carsten! Wie hast du deinen Abschied aus dem Berufsleben gefeiert?

Ich habe nicht meinen Ruhestand gefeiert, sondern den „halbrunden“ 65. Geburtstag. Mit vielen Freunden, Bekannten und Verwandten von meiner und der „Schwieger“-Seite. Ich habe für mehrere Tage ein Familienlandheim angemietet, um die auswärtigen Gäste unterbringen zu können – insgesamt waren wohl um die 50 Leute dabei. Und es war genauso schön, wie ich es mir vorher ausgemalt hatte.

Dann nachträglich auch noch alles Gute zu deinem Halbrunden. Wie haben denn die Kolleginnen und Kollegen auf deinen Abschied reagiert?

Überwältigend. Ich habe sowohl über die Liste als auch privat fast ein Dutzend Rückmeldungen bekommen, alle mit Bedauern, teils mit Einladungen für ein persönliches Treffen. Das hat mich sehr berührt – und auch ein bisschen überrascht, dass mein einfacher Beitrag in der Mailingliste solche Wellen schlägt. Als Lektoren sind wir ja alle mehr oder weniger Einzelkämpfer und doch fühle ich eine Verbindung zu den Kollegen. Ich bin seit gut 25 Jahren im VFLL und habe viele Kollegen auch persönlich kennen- und schätzen gelernt. Da hätte ich es schofel gefunden, wenn ich mich still und heimlich einfach davonmache.

Mit 65 bist du vorzeitig in Rente gegangen. Wann hast du das Rentenprozedere eingeläutet?

Meine Rente war eine echte Sturzgeburt. Im Mai hatte ich einen Rentenberatungstermin gebucht und den auch schon zwei Wochen später für Anfang Juni bekommen. Das war ein sehr hilfreiches Gespräch. Unter anderem zeigte sich, dass die lektoratsferne Teilzeitstelle, auf der ich zurzeit arbeite, die zu erwartende Rente fast gar nicht erhöht, und dass die Abschläge bei vorzeitigem Renteneintritt – regulär müsste ich bis Februar 2028 arbeiten – bei mir ziemlich überschaubar sind. Ich habe eine Nacht über der Entscheidung geschlafen, dann bin ich wieder hin, habe einen Rentenantragstermin erbeten und spontan für denselben Tag bekommen. Knapp drei Wochen später, noch im Juni, war der Antrag durch.

Das ging ja wirklich flott, und das bei unserer Bürokratie! Alterssicherung ist ein großes Thema für unseren Berufsstand. Wie bist du vorgegangen? Hast du Tipps für die Kolleginnen und Kollegen?

Ich bin überhaupt nicht der große Planer, dafür bin ich zu sprunghaft. Aber es gibt ein paar wichtige Punkte. Zuallererst die Künstlersozialkasse. Hier sollte jeder von uns Lektoren Mitglied sein. Immer wahre Angaben machen, nie beim Erlös nach unten schummeln oder Zusatzverdienste verschweigen – es rächt sich später, wenn man sich kleinrechnet, die Rente ist ja ohnehin klein genug. Vermögensaufbau ist auch sinnvoll, man kann und sollte auch mit kleinem Geld etwas aufbauen. Ob das eine Lebensversicherung ist, ein Aktiendepot oder was auch immer, da geht man zu einem unabhängigen Finanzberater, der solide und uneigennützig Vorschläge macht. Und man sollte sich darum kümmern, den Rentenverlauf aktuell zu halten und alles lückenlos zu belegen. Wenn man das laufend macht, ist das fast kein Aufwand, aber wenn man erst beim Rentenantrag merkt, dass ein paar Belege fehlen, kann das den Ablauf gehörig verzögern.

Renteneintritt als VFLL-Mitglied

1.           Muss ich aus dem VFLL austreten, wenn ich in Rente gehe?
Nein. Wenn du das 65. Lebensjahr erreicht hast, ändert sich nichts an deiner VFLL-Mitgliedschaft außer deinem Jahresbeitrag. Er sinkt automatisch von 195 Euro auf 65 Euro (Stand: August 2026). Du bleibst dabei ordentliches Mitglied im VFLL. Das heißt vor allem: Du behältst die Mitgliedschaft in der RG, dein aktives und passives Wahlrecht, kannst weiterhin Ehrenämter für den VFLL ausüben und behältst alle beruflichen Vorteile, die du über den VFLL hast (z. B. Preisnachlässe für bestimmte Software, vgl. die Finanzordnung des VFLL).
Viele Selbstständige arbeiten über das gesetzliche Rentenalter hinaus weiter und profitieren daher auch weiter von den Verbandsstrukturen. Aber auch nach dem Berufsende kann sich die Mitgliedschaft im VFLL weiterhin lohnen – um das Netzwerk zu behalten und Kontakte zu pflegen.

2.           Muss ich bestimmte Formulare vorlegen, wenn ich den reduzierten Beitrag für Rentner*innen bezahlen will?
Sobald du das 65. Lebensjahr erreicht hast, wird dir ab dem Folgejahr automatisch nur noch der reduzierte Beitrag berechnet. Du musst dich um nichts kümmern und nichts einreichen.
Nur, wenn du vor dem 65. Lebensjahr in den Ruhestand eintreten und den VFLL-Beitrag reduzieren möchtest, muss du einen entsprechenden Nachweis bei der Geschäftsstelle einreichen.

3.           Ich stehe kurz vor der Rente / bin in Rente und habe Wünsche an den VFLL. An wen wende ich mich?
Wünschst du dir mehr Vernetzung gezielt unter Rentner*innen? Gibt es spezielle Themen, die in dieser neuen Lebensphase anstehen, bei der du dir Unterstützung durch den Verband erhoffst? Willst du dich gerne dafür engagieren, dass vorhandenes Wissen noch besser im Verband archiviert wird? Oder hast du sonst Wünsche oder Fragen, die mit dem Thema „VFLL und Rente“ zusammenhängen? Dann melde dich gerne bei Julia Hanauer aus dem Vorstand: julia.hanauer@vfll.de, Betreff: VFLL und Rente.

Lass uns einen Blick zurückwerfen, Carsten: Wo hast du deine beruflichen Schwerpunkte gesetzt?

Ich bin studierter Physiker und hatte als Fachlektor für „Texte aus Naturwissenschaft und Technik“ einen echten Gemischtwarenladen. Ich habe Fach- und Sachbücher übersetzt, teilweise auch lektoriert. Bis zum Ende der Nullerjahre habe ich zusammen mit Walter Greulich für Brockhaus und andere Sachbuchverlage gearbeitet: Wir haben Lexika und Sachbücher entwickelt, von der Konzeption bis zum fertigen Text und Register. Dazu kamen Radiobeiträge, die Betreuung einer Rubrik in einer physikalischen Zeitschrift, immer wieder das Lektorat von Studienabschlussarbeiten und Promotionen sowie ein paar Allerweltsaufträge quer durch den Garten. Seit ein paar Jahren schreibe ich zusammen mit meinem Kollegen Matthias Delbrück den Harenberg Mathematikkalender, eine Aufgabe, die zwar nicht umwerfend viel einbringt, mir aber viel Spaß macht.

Und dann gibt es da noch den Quiz-Champion Carsten Heinisch, 2015 im ZDF bei Johannes B. Kerner auf dem Siegertreppchen. Dazu gehört sehr viel Mut und ein sehr breites Allgemeinwissen. Du hast Geld gewonnen, standst auf der Bühne im Konfettiregen und hattest einige Pläne. Wie war das alles für dich?

Es war schon ein tolles Gefühl und gleichzeitig erschreckend, nach dem Quiz-Gewinn auf einmal in der Öffentlichkeit zu stehen. Wildfremde Leute auf der Straße haben mich angesprochen, das fand ich befremdlich. Aber das hat sich Gott sei Dank nach drei Wochen gegeben.
Im Nachklapp zu dem Quiz gab es auch noch ein Interview mit Sabine Eichhorst, einer Hamburger Autorin, zu ihrem Buch „German Glück“. Ein richtig schönes Feelgood-Buch, 2018 erschienen, glaube ich.
Ansonsten hat der Gewinn mein Leben gar nicht so viel verändert, wie man meinen könnte. Ich konnte etwas wählerischer bei der Auftragsannahme sein. Einiges ist für Reisen draufgegangen. Mein Mann und ich haben noch ein Apartment gekauft, jetzt ist es vermietet und das Geld ein willkommener Teil meines Einkommens.

 

Unter der großen Überschrift "Demokratie-Möger" ein Porträt von Carsten Heinisch im karierten Hemd. Daneben steht: "Carsten. Text- und Weltverbesserer", ganz unten eine Reihe von Logos: Bezirksverband Rheinland-Pfalz, Land Rheinland-Pfalz und smile. Schützt nicht nur das Klima: Vor zwei Jahren nahm Carsten Heinisch auch an einer Aktion zum Stärken der Demokratie teil. (Foto: Thomas Brenner)

Wie ist es dir danach ergangen: Hat sich deine Arbeit in den letzten Jahren verändert, Stichwort KI?

Der große Einschnitt kam bei mir 2019, als mein Mann plötzlich und unerwartet starb. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, ich konnte eine ganze Zeit gar nicht arbeiten. Und dann kam Corona.
Seither ging es mit der Auftragslage steil bergab, ganz ohne KI. Mit der Verlagskrise habe ich meine Zeitschriftenrubrik verloren, und die Radiosendung, die ich regelmäßig gemacht habe, hat ihr Konzept geändert, was Anforderungen stellt, die ich als Aushäusiger nicht erfüllen kann. Die Verlagskrise scheint auch dazu geführt zu haben, dass man ein Lektorat immer häufiger einspart, und der Markt für Übersetzungen von Sach- und Fachbüchern ist einfach radikal geschrumpft. Ich musste mir also andere Erwerbsquellen erschließen. Das war nicht leicht mit knapp 60, aber ich habe meine Nische gefunden und arbeite zwei Tage die Woche für einen befreundeten Arzt. Da bereite ich die Buchhaltung vor.

Auch wenn das Lektorat vor großen Herausforderungen steht: Würdest du den jungen Kolleginnen und Kollegen trotzdem noch zu diesem Beruf raten? Und falls ja: auch zu einer Mitgliedschaft im VFLL?

Ob man diesen Beruf wirklich als Selbstständiger ausüben sollte, will gut überlegt sein. Die Dienstleistung, die wir erbringen, ist nicht mehr so gefragt wie vor 30 Jahren. Wenn man sich aber für den Beruf Lektor entscheidet, sollte man auf jeden Fall im VFLL sein. Ohne die Vernetzung mit anderen Kollegen, ohne Tipps und manchmal auch das gegenseitige Zuschustern von Aufträgen hätte ich mein Berufsleben nicht gut überstanden.

Du bist ein Sprachen-Nerd und hast Ungarisch gelernt. Hut ab! Was hat dich gereizt, eine so schwierige Sprache zu lernen?

Also Ungarisch ist gar nicht schwierig – in Ungarn kann das jedes Kind! Im Ernst: Ich verbinde Sprachen meist mit konkreten Personen und Situationen. Es war so, dass mein Mann und ich seit Ende der 1980er – noch vor dem Mauerfall – immer wieder in Ungarn Urlaub gemacht haben. Und es hat mich raaasend gemacht, dass ich Aufschriften, Plakate und Zeitungen zwar lesen, aber ü-ber-haupt nicht verstehen konnte. Da kam es gerade recht, dass die Abendakademie in Mannheim damals einen Kurs angeboten hat, den habe ich zusammen mit meinem Mann besucht. Später war ich noch drei Wochen an der Uni Debrecen für einen Intensivkurs „Magyar Külföldieknek“, also Ungarisch für Ausländer, da ist dann ein Knoten geplatzt. Ich bin zwar nicht sehr gut in Konversation, aber ich habe einen ungarischen Lieblingsschriftsteller, Dezső Kosztolány. Den kann ich zumindest streckenweise im Original lesen.

Und dann kam noch Finnisch dazu?

Ja, irgendwann haben wir in Budapest ein schwules Paar aus Tampere kennengelernt, einer Stadt nördlich von Helsinki – mit der typischen Einladung: „Kommt uns doch mal besuchen!“ Haha. Als Ryanair dann aber von Frankfurt-Hahn Direktflüge nach Tampere angeboten hat, wurden solche Besuche problemlos möglich. Und auch dort: Man kann alles lesen und fast nix verstehen. Also wieder ein Sprachkurs, aber mehr so aus grundsätzlichen Erwägungen, denn unsere beiden Finnen können gut Deutsch. Ich hatte ja gedacht: Kannste Ungarisch, kannste auch Finnisch – aber nein.  Es war echt eine Herausforderung, an der ich letztlich auch verzweifelt bin. Die beiden Sprachen haben so viel miteinander zu tun wie, sagen wir mal, Dänisch und Portugiesisch, also nichts, was einem nützen würde.

Willst du jetzt noch Estnisch lernen oder hast du andere Pläne für den Ruhestand?

Um Gottes willen, nein (lacht). Obwohl, vielleicht bin ich ja doch ein Sprachen-Nerd. Ich lerne gerade über eine App Italienisch. Totale Gamification, aber das motiviert zumindest, dranzubleiben. Und eine slawische Sprache steht noch auf dem Wunschzettel: Polnisch oder Tschechisch.
Dann hab ich ja noch die zwei Tage im Büro und das werde ich, toi, toi, toi, noch drei, vier Jahre machen. Die Arbeit als Lektor fehlt mir fast gar nicht. Und falls doch, bleibt ja der Mathematikkalender.
Privat bin ich ehrenamtlich gut eingespannt, in meiner Kirchengemeinde, im Kindergarten als Vorleser, in einer Klimagruppe. Außerdem steht noch eine Renovierung der Wohnung an, vorher mal total ausmisten, und da weiß ich aus Erfahrung, wie schwierig es ist, loszulassen. Außerdem plane ich noch einige Reisen, aber keine Fernreisen, ich habe mich eher auf Fahrradtourismus verlegt. Und ich will etliche Bücher lesen, ohne den kritischen Lektorenblick, einfach so zum Spaß. Langweilig wird mir nicht werden.

Und was wünschst du dir für deine neue Lebensphase?

Die typische Antwort alter Leute (lacht): Ich wünsche mir Gesundheit und dass ich meine Selbstständigkeit – im Sinne der Lebensführung – möglichst lange erhalten kann.
Die Rente war, wie gesagt, eher eine Sturzgeburt, ich muss mich noch daran gewöhnen. Aber es ist, als ob jetzt eine große Last von mir genommen ist. Insofern freue ich mich auf die Jahre, die ich noch vor mir habe. Dass das alles ganz schnell vorbei sein kann, habe ich damals bei meinem Mann gesehen. Ich bin jetzt sieben Jahre verwitwert, und obwohl ich mich nicht wirklich einsam fühle – ich habe viele gute Freunde –, wäre ein Significant Other doch schön, um die neue Freiheit miteinander zu teilen.

Dann wünsche ich dir alles Gute für deinen neuen Lebensabschnitt und danke dir für das Gespräch!

Birgit Gottschalk: Website
Carsten Heinisch: Website

Redaktion: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild:
Eigentlich ist Carsten Heinisch kein Freund von Motto-T-Shirts, aber manchmal muss das sein (Copyright Carsten Heinisch)

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