Eine Kinderbibliothek für die Nachbarschaft

Leseförderung vor der eigenen Haustür: VFLL-Mitglied Daniela Dreuth hat über viele Jahre in Eigenregie eine Bibliothek für die Kinder in ihrer Nachbarschaft in Arnstadt aufgebaut. Mit einem ganz simplen Prinzip zum Nachmachen – und viel Liebe zum Detail.

von Daniela Dreuth

Mein Lieblingsprojekt hat nur indirekt mit meiner Arbeit zu tun: Vor gut zehn Jahren habe ich eine Kinderbibliothek vor unserer Haustür eröffnet. Wie sicherlich die meisten Kolleg*innen liebe ich Bücher auch privat, und so kam es, dass ich sie nicht nur lektorierte oder korrigierte, sondern auch in meinem Blog rezensierte, und zwar besonders gerne Kinderbücher. Daher bekam ich immer wieder Rezensions- und Belegexemplare. Anfangs wanderten diese in die Kinderzimmer meiner Söhne oder ich gab sie an unseren Kindergarten weiter. Dann sah ich auf Facebook, dass eine Bloggerin einen kleinen Mitnahmeschrank aufgestellt hatte. Das wollte ich auch!

Vom ersten Schrank

Doch dann fragte ich mich, ob es nicht schöner wäre, wenn mehr Kinder etwas davon hätten? Wenn die Bücher ausgeliehen und zurückgegeben würden? Die Idee war geboren.

Ich besorgte einen Gartenschrank, brachte eine Beschriftung an und voilà, gerade noch rechtzeitig vor den Sommerferien 2015 konnte es losgehen. Ich bloggte und lektorierte weiter, also kamen immer neue Bücher hinzu. Kaum dass sich die Bibliothek herumsprach, brachten mir Menschen aus der Nachbarschaft und aus dem Freundeskreis, Bekannte und völlig Unbekannte aussortierte Kinderbücher vorbei – und ich habe noch nie abgelehnt. Manchmal finde ich auch einfach eine Tüte voller Bücher in der Rückgabekiste.

Link ein halbhoher weiß lackierter Schrank mit hellblauen Türen. Im Rechten Bild zwei hohe Schränke in derselben Farbgebung mit kleinen Dächern drauf, geschmückt mit Stickern. Bei einem von ihnen steht die Tür auf und man sieht Reihen über Reihen bunter Kinderbücher. So fing alles an: Mit diesem Gartenschrank begann die Kinderbibliothek 2015 (links oben). Gleichbleibend beliebt waren über die Jahre lustige Taschenbücher, ansonsten hat sich der Geschmack der Kinder immer wieder gewandelt (rechts).

… zur großen Bibliothek

Der Schrank wurde schnell zu klein. Wir trennten den Eingangsbereich der Garage ab und stellten darin Regale auf. Mein Mann baute mir ein Bücherauto. Ich kaufte zwei weitere Schränke … Inzwischen umfasst der Bestand etwa 2000 Bücher, nicht alle finden gleichzeitig Platz. In meinem Büro und im Wohnzimmer stapeln sich die neuesten Spenden und wir überlegen wieder einmal, wo wir noch einen Schrank aufstellen könnten. Doch der Platz vor einem Reihenmittelhaus ist begrenzt.

Bücher für Kleine und Große

Leider kann ich nichts zu den Nutzungszahlen sagen, denn alles ist reine Vertrauenssache. Es gibt keine Registrierung, Ausweise oder Gebühren. Man kann jederzeit kommen, ausleihen und Bücher mitnehmen. Für die Rückgabe steht vor der Haustür eine Kiste, ich übernehme das Einsortieren.

Farbige Punkte zeigen, für welches Alter sich ein Buch eignet. Bücher für die Älteren stehen oben, damit die Kleinen nicht ohne Weiteres drankommen.

Links sieht man die Seitentür zur Garage, in der Bücherregale stehen und ein roter Plastikhocker. Unten links im Bild ist eine hochkant gestellte Kiste mit einigen Büchern daran, wohl zur Rückgabe. Im Rechten Bildsieht man, wie ca. 1 Quadratmeter der Garage abgetrennt und mit Regalen ausgestattet wurde. Vom Boden bis zur Decke sind sie prall mit Büchern gefüllt. Schon bald reichte der Platz in den Bücherschränken nicht mehr aus und Familie Dreuth opferte den Eingangsbereich ihrer Garage. Im linken Bild unten sieht man auch die Rückgabekiste für gelesene Bücher. 

Immer beliebt sind Bilderbücher, Erstleser und Gregs Tagebücher. Anderes wandelt sich. Eine Weile waren Pferdebücher heiß begehrt, dann Kinderkrimis, dann Fantasy, momentan ist es eher gemischt. Es gibt auch Comics – die Lustigen Taschenbücher haben treue Fans –, Sachbücher, englische Bücher (wobei Harry Potter wohl eher von den Eltern gelesen wird) und Hörbücher.

Bücher fürs Vorschul- und Grundschulalter werden am häufigsten ausgeliehen, der Bereich zehn bis zwölf Jahre geht mal besser, mal schlechter. Je älter die Kinder werden, desto seltener kommen sie, was ich sehr schade finde.

Etwas Schwund ist immer

Kommen alle Bücher zurück? Nein, sicherlich nicht. Aber der Schwund hält sich in Grenzen.

Manchmal gibt es Überraschungen. Im Mai wurde ein Buch zurückgegeben, das ich schon einmal nachgekauft habe, weil es der erste Band einer Reihe war. Inzwischen fehlte das Buch schon wieder sehr lange. Als ich hineinschaute, sah ich die Inventarnummer 015. Das heißt, es handelt sich um das ursprüngliche Exemplar. Sehr spannend!

Die einzige große Enttäuschung habe ich vergangenes Jahr Ende November erlebt. Ich stellte alle Weihnachtsbücher und -hörbücher in einen Schrank und postete die Information in der Facebookgruppe des Ortes. Als ich zwei Tage später in den Schrank schaute, waren sämtliche Hörbücher verschwunden. Leider sind sie bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Oben das geschlossene bunte Bücherauto, ein buntes Regal in der Form eines Autos. Auf dem Nummernschild steht "Kinderbibo". Im Hintergrund sieht man einen zweiten braunen Bücherschrank mit dem Schild "Kinderbibo". Dahinter das Grün des Vorgartens.
Das macht was her: Der Platz vorm Reihenhaus gehört mittlerweile zu großen Teilen dem Bücherauto und der Kinderbibo (links). Farbige Punkte auf den Büchern geben Orientierung, für welches Lesealter die Bücher geeignet sind.

Leseförderung im Kleinen

Ich liebe es, wenn wir sonntagmorgens noch im Bett liegen und unten fröhliche Kinderstimmen und klappende Schranktüren hören. Wenn ein Kind etwas für die Schule braucht und wir dann gemeinsam danach suchen. Wenn es klingelt und mir eine Kinderschar erklärt, dass wir unbedingt mehr Bände ihrer Lieblingsserie brauchen (oft kaufe ich sie dann gebraucht) oder jemand neu Zugezogenes vorsichtig nachfragt, ob die Kinder sich hier wirklich einfach so Bücher holen können.

Ich finde Leseförderung äußerst wichtig und hoffe, dass ich mit diesem niedrigschwelligen Angebot dazu beitragen kann, dass die Kinder unseres Dorfes Spaß am Lesen finden und ihre Liebe zu Büchern entdecken.

Redaktion: Cornelia Thoellden
Korrektorat: Sibylle Schütz
Aufmacherbild: Bücherauto (privat)

Daniela Dreuth: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis

Im VFLL-Blog machen wir vor allem Leseförderung für die Großen. Wie wäre es mal …
mit einem Blick in die Eigenheiten des Luxemburgischen?
mit einem Ausflug ins literarische Brandenburg?
mit einem Roadtrip durch Australien?

Mehr von Daniela Dreuth gibt’s im Interview zum Tandem-Programm des VFLL.