Zwei Frauen nebeneinander: Claudia Lüdtcke steht links, neben ihr Ute Gräber-Seißinger, die eine Urkunde in der Hand hält mit VFLL-Logo

Sehen, dass man etwas bewirken kann – ein Gespräch mit Ute Gräber-Seißinger

10 Jahre im Vorstand als Finanzvorstand, unzählige Jahre im Team der Frankfurter Buchmesse und immer ein offenes Ohr für Fragen und Nöte ihrer Kolleg*innen: Ute Gräber-Seißinger wurde auf der diesjährigen Mitgliederversammlung völlig verdient zum Ehrenmitglied des VFLL gekürt. Hier spricht sie über ihre Lust am Ehrenamt, den Verband und die neue Etappe in ihrem Leben.

Du warst und bist nicht nur im VFLL aktiv. Du bist auch im ADFC Bad Vilbel / Karben und im Tennis-Club Bad Vilbel engagiert. Was zieht dich immer wieder zum Ehrenamt?

Was den ADFC Bad Vilbel / Karben angeht, so bin dort seit Langem Vorsitzende des Vorstands. Außerdem verantworte ich den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Dazu gehören im Wesentlichen neben dem Content Management der Website des Vereins sowie der Erstellung und dem Versand von Newslettern an Mitglieder und interessierte auch Beiträge aus unserem Aktivenkreis zum alle zwei Monate erscheinenden Mitgliedermagazin FRANKFURT aktuell, in dem wir eine Doppelseite bespielen. Aber zur eigentlichen Frage: Schwer zu sagen; wenn ich es mir leicht mache, dann sage ich, es ist der vielgenannte Unruhestand. Doch im Ernst: Es ist der Drang, etwas zu bewegen, einen wenn wohl auch nur kleinen Beitrag zu leisten, um die Dinge zum Besseren zu wenden – sei das nun in sozialer oder, was insbesondere die Förderung des Radverkehrs angeht, in ökologischer Hinsicht. Und meistens machen der Austausch mit Gleichgesinnten und die gemeinsame Arbeit an Projekten auch schlicht und einfach Freude.

Was nimmst du aus den unterschiedlichen Ehrenämtern mit? Warum lohnt es sich, mal ein Ehrenamt auszuprobieren?

Du siehst, dass du etwas bewirken kannst, und du lernst jede Menge dazu – inhaltlich und auch im Umgang mit Menschen verschiedensten Naturells. Du entwickelst deine Persönlichkeit weiter, denn das Ehrenamt bringt seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich, an denen du wachsen kannst.

»Es ist der Drang, etwas zu bewegen, einen wenn wohl auch nur kleinen Beitrag zu leisten, um die Dinge zum Besseren zu wenden.«

In deinen 10 Jahren im Vorstand hattest du unter anderem mit der Neuorganisation der Geschäftsstelle, mit der Öffnung des Verbands für Lektor*innen im Nebenberuf und mit dem Erstellen des Leitfadens zu tun, außerdem betreust du schon seit fast 25 Jahren immer wieder den VFLL-Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Welche Dinge hast du im VFLL mitgestaltet, an die du gerne zurückdenkst? Was waren deine Highlights bisher?

Es hat mich gefreut, als ich zusammen mit meiner damaligen Vorstandskollegin Christiane Kauer auf Anhieb einen Verlag für den Leitfaden gefunden habe. Das war ein echter Glücksfall. Was die Buchmesse Ffm angeht, so sehe ich mit großer Zufriedenheit, wie sich dieses ehemalige „Adoptivkind“ im Lauf der Jahre weiterentwickelt hat und wie es erwachsen geworden ist. Die Organisation des Buchmesseauftritts hatte ich 2002 von Carla Meyer, einer der Gründerinnen des Verbands, übernommen und dann „adoptiert“.
Und auf der allgemeineren Ebene hat mir meistens die gemeinsame Arbeit im Vorstandsteam Freude bereitet. Es ging stets sehr kollegial zu. Vieles habe ich mitgetragen, was andere im Team an vorderer Stelle gestalterisch vorangetrieben haben; meine Hauptaufgabe war ja nun, dabei immer die Finanzen im Blick zu behalten – was zum Schluss angesichts des stetigen Wachstums des Verbands und seiner teils recht komplexen, über längere Zeiträume laufenden Projekte (Stichworte IT, Lektoratsverzeichnis …) nicht immer ganz leicht war.

Als für den VFLL-Blog 2015 ein Interview mit dir geführt wurde, war dein Ideal im Berufsleben der komplett freie Schreibtisch. Nun bist du zum Teil in Rente – wie läuft es da mit dem komplett freien Schreibtisch, lässt der noch immer auf sich warten? Welche Projekte beschäftigen dich derzeit?

Der Schreibtisch sieht immer noch ziemlich genauso aus wie vor elf Jahren. Wenn darauf zu viel herumliegt, dann lenkt das von dem Wesentlichen ab, das die eigene Aufmerksamkeit verlangt. Das gilt in beruflicher Hinsicht oder im Hinblick auf die ehrenamtlichen Aufgaben ebenso wie für private Belange.

Ab und zu erhalte ich noch den einen oder anderen Auftrag von langjährigen Kunden. In der Hauptsache aber beschäftigt mich derzeit – und das in wachsendem Maß – der ADFC, konkret: die Weiterentwicklung des Vereins nicht zuletzt in personeller Hinsicht, denn auch der ADFC steht, wie wohl die allermeisten Vereine, vor der Daueraufgabe, den Kreis der ehrenamtlich Aktiven mindestens stabil zu halten und zugleich auch Jüngere für ein Engagement zu gewinnen.

Doch das Beste zum Schluss: Ich kann der Familie, über alle Generationen hinweg, mehr Zeit widmen. Das bedeutet unter anderem, unsere Tochter bei der Betreuung ihrer beiden Kinder zu unterstützen.

»Du siehst, dass du etwas bewirken kannst, und du lernst jede Menge dazu – inhaltlich und auch im Umgang mit Menschen verschiedensten Naturells.«

Wie hast du dich auf die (Teilzeit-)Rente vorbereitet? Hast du Tipps für andere, die kurz vor diesem neuen Abschnitt stehen? 

Ich war spätestens seit der Aufnahme meiner selbstständigen Tätigkeit als Freie Lektorin neben meiner Erwerbsarbeit immer auch ehrenamtlich aktiv – im Fahrrad-Club, im Tennisverein, im VFLL … Mir war klar, dass ich nach dem Eintritt in den Ruhestand das Ehrenamt zum Schwerpunkt meiner Lebensgestaltung machen würde, neben den familiären Aufgaben, die mir als Mutter und als Oma zufallen.

Ein Tipp für andere? Erst einmal einen Gang zurückschalten, sich Zeit für sich selbst nehmen, lange vernachlässigte Hobbys wiederaufleben lassen, Sport treiben, offen bleiben für Neues, den Kontakt zu den Menschen pflegen, die einem lieb und teuer sind … Und auch zum Beispiel ein Hund hält jung, unserer verhindert allein durch seine Anwesenheit und die regelmäßigen Beschäftigungen mit ihm immer wieder, dass mein Schaffensdrang mit mir durchgeht (lacht).

Trotz Teilzeit hattest du in diesem Jahr eine Praktikantin. Wie kam es dazu und unter welchen Voraussetzungen würdest du anderen freien Lektor*innen zu der Erfahrung raten?

Ich kam dazu wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde. Ein geschätzter Vorstandskollege im Fahrrad-Club fragte mich, ob ich seiner Tochter, die für den Abschluss ihres Lehramtsstudiums der Fächer Englisch und Mathematik ein Praktikum außerhalb des Bildungssektors vorweisen muss, einen Praktikumsplatz anbieten könnte. Die Idee hat mich spontan begeistert. Ich habe ihm gleich gesagt, dass ich nicht jeden Werktag „nine to five“ in meinem Büro verbringe, dass ich aber glaube, dass ich ihr dennoch genügend Aufgaben und Möglichkeiten zum Sammeln von Erfahrung bieten kann und dass sie dementsprechend auch „Hausaufgaben“ von mir bekommen wird Im Rückblick denke ich, dass die Erwartungen beider Seiten nicht enttäuscht wurden – im Gegenteil, denn zumindest ich persönlich habe die Zeit dieses Praktikums als sehr bereichernd empfunden.

»Mir war klar, dass ich nach dem Eintritt in den Ruhestand das Ehrenamt zum Schwerpunkt meiner Lebensgestaltung machen würde, neben den familiären Aufgaben, die mir als Mutter und als Oma zufallen.«

Du hast in den 1990ern zwei Jahre in Frankreich gelebt. Zieht es dich dorthin noch immer oft zurück? Und hast du jetzt etwas mehr Zeit zum Reisen? 

Seit meiner Rückkehr aus Toulouse hat es mich immer wieder dorthin gezogen. Doch im Lauf der Jahre wurden die Reisen seltener, das Erlebte und die Freundschaften aus der Zeit in Frankreich wurden mehr und mehr verdrängt durch das, was danach kam. Wie könnte es auch anders sein? Das Nahe verdrängt das Fernere. Und doch ist Frankreich immer mein liebstes Reiseziel geblieben. Das hat viel mit der Sprache zu tun, das Französische ist für mich von einer unerhörten Eleganz.
Mehr Zeit zum Reisen? Derzeit eher nicht. Die Verpflichtungen sind andere geworden, jedoch nicht weniger.

»Ich finde die Kooperation mit ver.di vielversprechend, sie dürfte dem Verband den Rücken stärken.«

Mit allem, was du über den VFLL weißt: Hast du Wünsche oder Ideen, in welche Richtung der Verband noch gehen sollte? Was neu angepackt werden könnte oder besser umgesetzt?

Letztlich ist der VFLL ein kleiner Verband, sodass es nicht leicht ist, die Interessen seiner Mitglieder wirkungsvoll zu vertreten. Insofern finde ich die Kooperation mit ver.di vielversprechend, sie dürfte dem Verband den Rücken stärken. Es geht ja neben dem alles überstrahlenden Thema angemessener Honorare auch um speziellere finanziell bedeutsame Themen wie zum Beispiel die sogenannte Aktivrente, von der wir als Freie Lektorinnen und Lektoren noch (?) ausgeschlossen sind. Das finde ich, mit Verlaub, ziemlich skandalös – und nicht nur deshalb, weil ich direkt davon betroffen bin.

Redaktion: Cornelia Thoellden
Foto: Die erste Vorsitzende des VFLL Claudia Lüdtke (links) überreicht Ute Gräber-Seißinger (rechts) die Urkunde zur Ehrenmitgliedschaft. Foto: Nicci Schmieder.

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