Lektor, Autor, Schreibcoach und Seminarleiter: In diese Rollen schlüpft das langjährige VFLL-Mitglied Hans Peter Roentgen schon seit vielen Jahren. Sein neuester Roman ist ein Krimi: „Sherlock, Watson und eine KI, die fremdgeht“. Was es damit auf sich hat, verrät er im Interview.
Wie bist du auf die Idee gekommen, diesen Krimi zu schreiben? Erzähle uns bitte, worum es da geht.
Das begann mit dem ganzen Hype um KI und den vielen Artikeln, die überall veröffentlicht wurden. Ich bin ja auch Diplom-Informatiker, verfolge die digitale Entwicklung seit über fünfzig Jahren. Und ich habe eine witzige Kurzgeschichte geschrieben. Was wäre, wenn es wirklich menschenähnliche Butler geben würde, die man kaufen könnte? Nicht so wie die aktuelle KI, sondern menschenähnlich im Denken. In meinem Krimi kauft sich ein Detektiv namens Sherlock einen solchen Butler. Dann bricht die Stadt-KI zusammen, die die Stadtverwaltung unterstützt. Die Schuld wird dem Polizeipräsidenten zugeschoben, der durch einen fragwürdigen Anwalt ersetzt werden soll. Daraus hat sich das Buch entwickelt.
Wie lange hast du ungefähr gebraucht von der ersten Idee bis hin zur Veröffentlichung?
Ungefähr ein Jahr.
Hast du eine KI zur Unterstützung während des Schreibprozesses genutzt? Falls ja: Welche war das und wie war deine Erfahrung damit?
Als Informatiker interessiert mich KI natürlich sehr, ich habe viel damit experimentiert. Und bald entdeckt: Lass die KI nie an deine Texte. Sie ist ein guter Sparringspartner, dem man eigeneTexte mit Fragen geben kann: Was ist gut an dem Text, was sollte ich verbessern? Nicht mal die Rechtschreibung lasse ich sie einfach ändern, sondern sie erstellt mir eine Liste, wo es Fehler gibt, wo man vielleicht besser zur Dudenempfehlung greift.
Es wird viel darüber gerätselt, wie gut KI schreiben kann. Das ist leider die falsche Frage. Denn wenn jemand sie beauftragt, der weder mit dem Schreiben noch mit KI Erfahrung hat, klingt das Ergebnis wie ein Anfängertext. Sie macht dann alle Anfängerfehler, die mir in meiner Lektoratsarbeit schon vor der KI begegnet sind. Wer viel Erfahrung mit Schreiben und auch mit KI hat, kann durchaus gute Texte damit produzieren. Aber es braucht jemanden, der das kann. Auch dann ist es kein einfacher Auftrag: „Hallo KI, schreib mir mal einen Bestseller“, sondern ein Hin und Her mit viel „Das musst du verbessern“.
Schreiben lasse ich die KI nichts. Ich hab es getestet. Zweimal wollte sie mich zu Mitternacht in einen dunklen Keller zum Treffen mit dem Bösewicht verleiten. Ich kann mir gut vorstellen, woher sie diese altbackene Lösung hat. Nein, meine Texte schreibe ich lieber selbst. Nicht nur, weil das Ergebnis besser ist, sondern weil es dann auch mein Text ist, nicht der der KI.
Wie schätzt du die Chancen und die Risiken/Gefahren der KI für dich als Autor und für dich als Lektor ein?
Das frag mich mal in fünf Jahren. Im Moment ist alles im Umbruch. Aber ich sehe keinen Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Die KI kann vieles schneller als Menschen, aber gerade in der Kunst und Literatur kann sie Menschen nicht ersetzen. Das zeigt sich bei dem Versuch der Verlage, die KI die erste Version übersetzen lassen und den tatsächlichen Übersetzerinnen im Nachgang nur noch die Hälfte zu zahlen, weil diese ja angeblich nur noch glattbügeln müssten. De facto ist dieses Prozedere aber mühsamer, als die Übersetzung gleich per Hand zu machen. Insofern sehe ich eine Gefahr darin, dass Verlage versuchen, mit solchen Argumenten Honorare zu kürzen.
Aber wird die KI Bücher übersetzen und schreiben? Nö, wird sie nicht. Das wird zwar viel behauptet, vor allem von Tech-Konzernen, aber schaut man sich die Produkte an, stellt man fest, dass in allen bekannten Fällen die KI nicht selbstständig kreativ geworden ist. Keine KI setzt sich selbstständig hin und schreibt einen Liebesroman über ihren Liebeskummer. Da empfehle ich jedem das Buch der Kaiserslauterner Informatik-Professorin Zweig »Weiß die KI, dass sie nichts weiß?«
Was passieren dürfte: Dass Autorinnen und Übersetzer sie als Sparringspartner nutzen werden.
Im Lektorat mehren sich die Anfragen von Autor*innen, die KI für das Schreiben ihrer Manuskripte verwendet haben. Wie gehst du damit um?
Mir hat noch niemand gesagt: „Meinen Text hat eine KI geschrieben.“ Wenn ein Verlag oder eine Firma solch eine Anfrage stellt, wäre es der Versuch, Autorinnen und Autoren um den Job zu bringen und Honorare zu drücken. Das würde ich ablehnen. Vermutlich wäre der Text so langatmig, dass da viel schlecht bezahlte Arbeit wartet. Siehe meine Anmerkungen zu KI-Übersetzungen.
Wenn Schreibende mit einem KI-Text ankämen, würde ich erst mal fragen, welche Aufgaben sie der KI übertragen haben und warum.
„Sherlock“ ist bei der Autor:innenlounge erschienen. Was genau ist das?
Das sind Sissi Steuerwald und Tamara Leonard, früher waren beide im Vorstand des Selfpublisher-Verbands. Jetzt bieten sie Dienste fürs Selfpublishing an, Lektorat, Satz und Cover haben sie gemacht. Ich war ihr erster Kunde, gerade suchte ich nach Hilfe, weil ich das Buch schnell herausbringen wollte. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste und das Thema war auf der LBM und überall heiß. Der Text stand bereits, in vier Wochen haben wir ein Lektorat, Cover und Satz gemacht. Das schafft kein Verlag, bei denen stand das 2026er Programm schon. Und die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen war einfach toll! Ich kenne beide von früher, weiß, dass sie Profis sind, und so haben wir es zur Messe geschafft und sie haben mir eine Menge Tipps mitgegeben.
Letztes Jahr erschien dein Roman „Stimmen im Kopf“, in dem es um Depression und deren Bewältigung geht. Wie kam es dazu?
Das war eine dreißig Jahre alte Geschichte, ich hatte sogar schon eine Agentin dafür. Die hat es aber nicht vermitteln können, „Problemthemen gehen nicht gut“ erhielt sie immer wieder als Antwort.
Dann lag es lange in der Schublade, immer mal wieder bin ich rangegangen, hab es wieder gelassen.
Aber das Thema hat mich beschäftigt, weil ich selbst Erfahrungen mit Depressionen habe. Und vor drei Jahren habe ich mir dann vorgenommen: Jetzt schreibst du es, Scheiß drauf, ob es ein Verlag will oder es Leserinnen findet.
Hast du eine bestimmte Schreibroutine? Wie sieht diese aus?
Ich bin Spätaufsteher, gehe mittags erst mal mit einem Hund hier aus dem Haus spazieren, lasse die Gedanken wandern. Mache Pause in einem Café und arbeite, entweder an Lektoraten, Blogbeiträgen oder Geschichten. Oft kann ich am Abend in einer Kneipe am besten schreiben.
Hast du Schreibtipps für die Autor*innen unter uns?
Den wichtigsten, den ich meinen Kundinnen und Kunden immer sage: Verwandelt euch wie Schauspielerinnen in eure Figuren und seht und schreibt aus deren Augen. Und probiert Schreibtipps aus, aber nicht jeder Tipp ist für jeden geeignet. Mein Roman über KI habe ich ohne Plot geschrieben, immer nur ein paar Szenen vorausgeahnt, was kommen wird. Hat gut funktioniert. Andere planen jede Szene vorab, das kann auch funktionieren.
Wie ist die Gewichtung zwischen deinen verschiedenen Tätigkeiten? Hast du da einen Schwerpunkt? Was machst du am liebsten?
Das hängt von der Aufgabe ab. Am liebsten sind mir Aufgaben, die mich richtig fesseln. Als Letztes hatte ich ein Lektorat, das mir viel Freude gemacht hat. Das war mir zu der Zeit das Liebste. Vorher die Sherlock-Geschichte, die ich ohne Plan Szene für Szene nacheinander geschrieben habe. Und mich gewundert habe, wie gut das läuft, wie eins ins andere passte, wie wenig ich nachträglich streichen und überarbeiten musste. Vor Kurzem habe ich für den VFLL Vorbereitungsworkshops für die Quicklektorate gemacht. Das habe ich auch gerne getan.
Da kann ich nicht sagen, Lektorat oder Geschichten schreiben oder Workshops sind mir am liebsten. Was ich allerdings nicht liebe, ist Bürokratie aller Art, von Finanzamt bis Buchhaltung.
Hast du ein Hobby, das dir als Ausgleich zu der vielen Schreibtischarbeit dient?
Spazierengehen, Fahrradfahren, Lesen.
Gibt es noch etwas, das du loswerden möchtest?
Lasst euch nicht von der KI entmutigen. Starrt nicht wie das Kaninchen auf die Schlange KI, sonst frisst sie euch auf. Sondern schreibt, schreibt, schreibt und überarbeitet.
Redaktion: Sibylle Schütz
Korrektorat: Cornelia Thoellden
Cover: (c) Kathleen Friedrich, Potsdam
„Sherlock, Watson und eine KI, die fremdgeht“ ist als Taschenbuch und E-Book verfügbar. Hans Peter Roentgen hat außerdem allgemeine Schreibratgeber verfasst und spezifische Handreichungen zu Themen wie dem Klappentext oder Exposés. Letztes Jahr erschien sein Roman „Stimmen im Kopf“, der sich mit dem Thema Depression auseinandersetzt.
Hans Peter Roentgen: Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
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