Wer macht ein Buch?

Die Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse gab der VFLL-Kampagne #LektoratInsImpressum einen fulminanten Abschluss. Zur Erinnerung: Im Juni war der Startschuss für eine in der Form noch nie dagewesene Medienkampagne gefallen, um auf einen Missstand im Verlagswesen aufmerksam zu machen. Denn im Impressum vieler Veröffentlichungen fehlen die Namen der daran beteiligten freien Lektorinnen und Lektoren, obwohl diese einen unverzichtbaren Beitrag bei der Entstehung von Büchern leisten. Veronika Licher, Mitglied der AG Impressum, fasst die Diskussion zusammen.

Von Veronika Licher

Was geschieht, wenn vier Branchenprofis sich erlauben, auf dem Podium „laut zu denken“, ihre Ambivalenzen offenzulegen und eigene Sichtweisen umzukehren?

Von links nach rechts: Jo Lendle (Verleger), Katharina Gerhardt (VFLL), Moderatorin Dania Schüürmann, Patricia Klobusiczky (VdÜ) und Zoë Beck (BücherFrau des Jahres 2022, Autorin, Verlegerin, Übersetzerin), © Marc Jacquemin/Frankfurter Buchmesse

Der VFLL hatte sich mit seinen Partnerorganisationen VdÜ und BücherFrauen zusammengetan, um am Buchmessedonnerstag im Internationalen Übersetzungszentrum für die Sichtbarkeit aller an einer Buchproduktion Beteiligten einzutreten – gemäß den Kampagnen „Lektor*innen ins Impressum“ und „Translators on the Cover“.

Verleger Jo Lendle, Autorin Zoë Beck, Übersetzerin Patricia Klobusiczky und Lektorin Katharina Gerhardt gelang unter der Moderation von Dania Schüürmann ein fruchtbarer Austausch. Hilfreich dabei war, dass alle vier in verschiedenen Rollen in der Branche unterwegs sind oder waren – und eigene Perspektivwechsel möglich machten:

Zoë Beck als prämierte Autorin und Verlegerin von CulturBooks forderte, dass für alle am Buchprozess Beteiligten Sichtbarkeit die Norm sein sollte. Als Autorin sei sie anfänglich sehr unglücklich gewesen, dass ihre Lektorin nicht genannt wurde. Sie sei nicht sicher, ob eine Danksagung der richtige Platz dafür sei, und nicht lektorierte Bücher seien eine Qual. Sie berichtete allerdings auch davon, dass sie sich als junge Verlegerin, die noch alles selbst machte, übersetzte und lektorierte, scheute, sich selbst zu nennen – erst recht auf dem Cover. Als Übersetzerin freue sie sich jedoch über die Nennung auf der U1, mindestens aber auf der Rückseite des Buches, der U4.

Die renommierte Literaturübersetzerin Patricia Klobusiczky kennt diese Scheu junger Verleger*innen, wehrte sich auf dem Podium aber vehement dagegen, die Übersetzer*innen auf den Buchrücken abzuschieben: Dies sei ein enormer Rückschritt. Viele namhafte Verlage würden die Übersetzer*innen bereits auf dem Cover nennen – etwa Mare, Dörlemann, Berenberg ­–­ und auch AvivA gehöre nun zu den Pionieren. Wenn Illustrator*innen und Herausgeber*innen auf der U1 genannt würden – warum nicht die Übersetzer*innen, die Wort für Wort ein neues Werk schaffen?

Katharina Gerhardt, freie Lektorin und VFLL-Mitglied der ersten Stunde, berichtete von ihrer Beobachtung, je bekannter ein Verlag und seine Autor*innen seien, desto seltener werde die Lektorin oder der Lektor im Impressum aufgeführt. Bei manchen Verlagen komme die Aufteilung des Lektorats in Projektmanager*innen im Verlag und externe Textarbeiter*innen erst jetzt langsam an; dass die inhaltliche Arbeit immer mehr outgesourct wird, werde aber (noch) nicht gezeigt. Und es handele sich doch nur um eine einzige Zeile im Impressum! Umso verwunderlicher, als dort inzwischen immer häufiger auch die Literaturagenturen genannt würden.

Dania Schüürmann brachte die Frage auf, ob der Zeitgeist, die jetzigen Entwicklungen auf dem Buchmarkt nicht auch hier Veränderungen bewirken müssten, ob nicht die Verlage durch mehr freie Mitarbeitende stärker unter Druck kämen, Transparenz herzustellen. Hanser-Verleger Jo Lendle erklärte, dass Verlage die Marke „Autor“ ganz, ganz groß setzten – das größte Gut, das sie hätten. Die Grundlage für eine gewisse Trägheit könne in einem bisweilen immer noch vorhandenen „Geniekult“ zu suchen sein. Es sei sicherlich gut, sich zu fragen, was die Normalitäten in der Branche sind und wie man es anders machen könnte: „Die Ideen kommen beim Reden.“

Allerdings lagere der Hanser Verlag (fast) keine Lektorate aus, außer bei erforderlicher besonderer fachlicher Expertise oder sprachlichen Besonderheiten, und er habe noch nie Anfragen von Freien bekommen, die genannt werden wollten. Wenn jemand als Außenlektor*in für Hanser arbeite und genannt werden möchte, dann habe er kein Problem damit. Lendle forderte ausdrücklich dazu auf, sich diesbezüglich zu melden. Für angestellte Verlagslektor*innen halte er die Nennung im Impressum allerdings nicht für notwendig, „den Ego-Booster brauchen wir nicht“.

Von der Positionierung von Übersetzer*innen auf dem Cover hält Lendle hingegen nichts. Er führe die Diskussion schon lange, aber der juristische Ort der Urheber*innen sei der Haupttitel, nicht das Cover. Er sei sehr dafür, die Übersetzer*innen mit biografischen Angaben auf der Umschlagklappe zu nennen – die U1 jedoch sei ein Marketinginstrument. Dort solle so wenig Text wie möglich untergebracht werden.

Patricia Klobusiczky meinte dazu, literarische Übersetzer*innen würden nicht weniger leisten, wenn sie an anderer Stelle als der U1 stünden. Erfahrungsgemäß fänden sie jedoch in Rezensionen eher Erwähnung – über eine Floskel hinaus –, wenn sie auch auf dem Cover präsent sind. Die Chancen wären dann größer, dass Rezensierende die Kunstfertigkeit der Übersetzung verstehen und würdigen. Und es gebe auch in Deutschland eine Leserschaft, die sehr wohl wisse, dass es einen Unterschied mache, wer einen Text in die andere Sprache übertragen hat.

Aus dem Publikum heraus wurde noch einmal der „Geniekult“ zur Sprache gebracht. Nach den Erfahrungen der VFLL-Mitglieder gehe dieser Geniegedanke nicht von den Schreibenden aus: „Die Genies wollen gar nicht allein Genies sein“, so Julia Hanauer aus der AG Impressum des Verbands. Dies zeigten auch die Zitate prominenter Autor*innen wie Sebastian Fitzek, Kirsten Boie oder Iny Lorenz – zurzeit auf der VFLL-Website und den Social-Media-Kanälen zu sehen –, die entschieden für die Nennung ihrer Lektor*innen plädierten.

Jo Lendle brachte dies auf die Idee, dass es möglicherweise sinnvoll sei, die Standards umzudrehen: Statt dass die freien Lektor*innen sich melden sollten, wäre es eine Branchenaufgabe, deren Nennung im Impressum als Standard vorzusehen – und dann ggf. ein Opt-out zu ermöglichen. Er versprach, diese Idee im Verlegerausschuss einzubringen.

Aus der Perspektive des VFLL war die Veranstaltung ein voller Erfolg und ein gelungener Abschluss der Kampagne #LektoratInsImpressum. Und auch der VdÜ berichtete erfreut, dass mit ca. 150 Teilnehmenden diese Veranstaltung die bis dato größte Zuhörerschaft angezogen habe. Jo Lendles Äußerungen auf dem Podium bestätigen, dass viele Verlage zum Umdenken lediglich freundlich und bestimmt aufgefordert werden müssen. Und Argumentationen wie „Das haben wir noch nie gemacht“ sind hoffentlich bald Schnee von gestern. Wir ermutigen darum erneut alle freien Lektor*innen, das Thema in ihre Projektverhandlungen einzubringen, und sind zuversichtlich, dass die standardisierte Impressumsnennung fürs freie Lektorat bald umgesetzt wird. Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist …

Mit etwa 150 Gästen war die Veranstaltung sehr gut besucht. © Copyright: Frankfurter Buchmesse/Marc Jacquemin

Beitragsbild, alle Fotos: Beitragsbild: Frankfurter Buchmesse/Marc Jaquemin
Text: Veronika Licher


Weiterführende Links zum Thema Impressum:


Zu den VFLL-Partnerorganisationen VdÜ und BücherFrauen


Veronika Lichers Profil im VFLL-Verzeichnis


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