Dr. Wenke Klingbeil-Döring

Neugierig auf die Kombination Lektorin und Philosophin

Als Lektorin und Philosophin vereint Dr. Wenke Klingbeil-Döring zwei scheinbar so unterschiedliche Welten in ihrer Arbeit. Sie ist zudem eine der beiden Sprecherinnen der VFLL-Regionalgruppe Berlin und gibt im Interview Einblicke in ihren Werdegang, ihre Tätigkeit als Lektorin und Philosophin sowie ihre Motivation, sich im Verband zu engagieren. Die Fragen stellte ihr Sibylle Schütz.

Ich falle gleich mit der Tür, mit meiner Neugier ins Haus: Wie viel Philosophin steckt in der Lektorin? Wie viel philosophisches Denken steckt in deinem Arbeitsalltag?

Tatsächlich sehr viel, sowohl inhaltlich als auch in der Art und Weise, wie ich mit und an Texten arbeite. Dinge zu hinterfragen, genau zu durchdenken und kritisch zu sein, aber auch Lösungen anzubieten ist ja letztlich das, was wir Philosoph*innen tun. Im Philosophie-Studium spricht man vor allem über Texte und Argumente, diskutiert, warum etwas überzeugt oder nicht, und denkt über das Gelesene hinaus, will es weiterentwickeln. So arbeite ich auch als Lektorin: Ich frage mich, was ein Text – abgesehen natürlich von den sprachlichen Aspekten – braucht, um überzeugend zu sein, sein Potenzial zu entfalten und für Lesende interessant und gewinnbringend zu sein.

Darüber hinaus kommt das philosophische Denken natürlich über die Texte, die ich bearbeite, in meinen Alltag. Das sind schon vornehmlich philosophische Projekte, die oft auch meinen eigenen Forschungsbereich streifen, oder solche mit philosophischen Anteilen. Als Redakteurin betreue ich außerdem eine philosophische Fachzeitschrift. Da habe ich dann immer wieder Gelegenheit, mich mit einigen Themen nochmal ganz grundlegend zu beschäftigen – oder sie auch erst kennenzulernen.

Hast du dich schon als Kind für philosophische Themen interessiert?

Tatsächlich gar nicht. Ich bin eine klassische Erstakademikerin, als Kind habe ich so gut wie gar nicht gelesen. Ich habe aber, daran erinnere ich mich gut, immer schon sehr viel hinterfragt und mit Sprache gespielt. Oberflächliche Antworten oder Herangehensweisen haben mich ziemlich frustriert. Als wir dann irgendwann im Geschichtsunterricht Kant gelesen haben, hatte ich das Gefühl: Ja, genau! Das ist die gebotene Gründlichkeit und Langsamkeit, mit der man auf die Welt schauen und die Dinge, die uns so selbstverständlich erscheinen, hinterfragen sollte. Ich mag es, mich in andere Perspektiven zu vertiefen und zu schauen, was passiert, wenn man Dinge mal ganz anders sieht.

Wie hat sich dein beruflicher Werdegang entwickelt?

Reichlich unspektakulär, würde ich sagen, aber im Rückblick lief immer alles auf Sprache und Schreiben hinaus. In den Monaten zwischen Abitur und Studium habe ich ein Praktikum in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gemacht und hier während des Studiums – ich habe Germanistik mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft und natürlich Philosophie studiert – noch eine Zeitlang freiberuflich gearbeitet. Unter anderem habe ich die PR-Arbeit für eine Gebärdensprachschule gemacht und dafür Gebärdensprache gelernt. Eine großartige und spannende Zeit, die meinen Blick auf Sprache und ihre Rolle nochmal sehr verändert hat. Unter Gehörlosen war ich als Hörende nämlich plötzlich die „Minderheit“, die sich nur schwer verständigen konnte und oft „sprachlos“ war. Später im Studium und im Übergang zur Promotion habe ich einige Jahre im Buchhandel gearbeitet, dann hatte ich das Glück, meine Promotion über Stipendien finanzieren zu können. Ich habe über den Wert von Arbeit, das heißt über die Bedeutung von Erwerbsarbeit für unsere Lebensführung, promoviert. Meine aktuelle Forschungsarbeit schließt daran an. Direkt nach der Promotion habe ich mich als Lektorin selbstständig gemacht – und bin sehr glücklich damit.

Wie darf ich mir den Arbeitsalltag einer Freien Philosophin vorstellen?

Philosophie und Lektorat lassen sich in meinem Alltag eigentlich gar nicht trennen. Wenn ich an eigenen Texten arbeite, bin ich öfter in Bibliotheken und lese natürlich auch mehr. Es kommt auch vor, dass ich um meine Einschätzung zu bestimmten Themen gebeten werde, als „philosophische Sparringspartnerin“ andere Projekte unterstütze oder eingeladen werde, Vorträge zu halten. Ansonsten ist es das, was alle Lektor*innen tun: Denken und Schreiben. Schlicht aus wirtschaftlichen Gründen komme ich eigentlich viel zu wenig dazu, eigene Texte zu schreiben. In der Philosophie ist die Honorarsituation noch prekärer als im Lektorat: In den allermeisten Fällen schreibt man, wie es so schön heißt, für die Reputation. Ich muss mir die Zeit neben dem Geldverdienen also immer irgendwie freischaufeln, was mir leider viel zu selten gelingt.

Gibt es für dich einen Lieblingsphilosophen und falls ja, wer ist das und was gefällt dir an ihm, an seiner Art zu denken oder die Welt zu sehen?

Unter den klassischen Philosophen kann ich mit G. W. F. Hegel sehr viel anfangen. Seine Philosophie ist mit Blick auf das Individuum wie auf die Gesellschaft sehr erhellend und viel moderner, als man vermuten würde. Er beschreibt zum Beispiel die Fortschrittskraft von Krisen und hat ein Verständnis von Gesellschaft, vor dem sich die Pluralität und Komplexität unserer Gegenwart und die Widersprüche, die daraus entstehen, als notwendige Produktivkräfte verstehen lassen. Das ist ja letztlich der Kern der von Hegel propagierten dialektischen Methode. In der Moralphilosophie finde ich John Rawls’ Idee vom Schleier des Nichtwissens ziemlich überzeugend, der uns dazu bringen soll, unparteiische Entscheidungen zu treffen. Auch hier sehe ich viel Aktualität in unserer paradoxen Zeit, in der wir einerseits das Individuum überbetonen und andererseits, so mein Eindruck, immer stärker nach Gruppenzugehörigkeit urteilen und auch Ideologien wieder sehr an Bedeutung gewinnen.

Wie bist du zum Lektorat gekommen?

Nach meiner Promotion kam eine akademische Laufbahn für mich aus verschiedenen Gründen nicht infrage. Zugleich wollte ich weiter als Philosophin und vor allem selbstbestimmt arbeiten – auch zeitlich, um mich zwischen Erwerbs- und Familienarbeit nicht zerreiben zu lassen –, mich mit unterschiedlichen Themen beschäftigen und etwas tun, bei dem ich meiner Leidenschaft fürs Lernen, Ordnen, Organisieren und natürlich für Sprache und Texte nachgehen kann. Ich habe mich daran erinnert, was eine sehr gute Karrierecoachin mal zu mir gesagt hat: Du solltest beruflich etwas machen, worum du privat ohnehin ständig gebeten wirst, denn darin bist du sehr wahrscheinlich außerordentlich gut. Und das war bei mir: Texte beurteilen und dabei zu unterstützen, sie zu optimieren. Das klingt vielleicht ein bisschen platt, aber ich sage das wirklich von Herzen: Ich liebe es, zu sehen, wie Menschen sich weiterentwickeln und ihre Ziele erreichen. Daran kann ich als Lektorin mitwirken.

Seit wann bis du im VFLL und was schätzt du am Verband?

Dem VFLL gehöre ich seit Anfang 2021 an. Ich schätze vor allem den Austausch und die Gewissheit, zugewandte, engagierte und unterstützende Kolleg*innen zu haben und auch als Soloselbstständige eben doch nicht ganz alleine dazustehen – ganz im Gegenteil. Das Miteinander im VFLL ist schon sehr besonders und der große Schatz des Verbands insgesamt, den es unbedingt zu bewahren gilt. Ich arbeite in einigen Arbeitsgruppen mit; das empfinde ich als so wertvoll und eigentlich als die beste Art, den Verband zu nutzen: Man lernt schnell viele Kolleg*innen kennen, weiß, wer was macht, wen man ggf. gezielt um Rat fragen kann. Ich mag die vielen Möglichkeiten, mich einzubringen und zu gestalten. Gerade im Amt als Regionalgruppensprecherin, das ich zusammen mit meiner großartigen Kollegin Naemi Eydam bekleiden darf, erlebe ich viel Selbstwirksamkeit. Die persönlichen Treffen fühlen sich immer ein bisschen wie Familientreffen an. Man kommt sofort ins Gespräch, erfährt Wertschätzung. Das möchte ich nicht mehr missen.

Hast du ein Spezialgebiet als Lektorin? Vielleicht philosophische Texte?

Ja, als Lektorin bleibe ich schon weitestgehend in meinem Fachgebiet und mache vor allem Wissenschafts- und Sachbuchlektorat, bearbeite aber auch Bildungsmedien. Als Redakteurin betreue ich mit „Praxis Philosophie & Ethik“ eine philosophische Fachzeitschrift. Weil ich mich viel mit Themen des gesellschaftlichen Wandels beschäftige, etwa mit Digitalisierung, landen auch Texte aus anderen Disziplinen mit entsprechenden Fragestellungen auf meinem Tisch, etwa aus den Wirtschaftswissenschaften oder der Unternehmensberatung. Ich habe aber auch schon Handarbeitsbücher lektoriert, was mir als leidenschaftlicher Häklerin natürlich sehr viel Freude gemacht hat.

Du publizierst Beiträge in philosophischen Zeitschriften. Wie kam es dazu? Sind das Auftragsarbeiten oder ist es möglich, dass du zu einem von dir gewählten Thema etwas schreibst? Und wie lange sitzt du an solch einem Beitrag?

Das ist ganz unterschiedlich. Mal frage ich nach, ob ich einen Text zu einem bestimmten Thema unterbringen kann, mal kommen die Herausgeber*innen auf mich zu. Oft gibt es nur grobe Vorgaben, worum es in dem Text gehen soll, die Spezifizierung nehme ich dann selbst vor. Das geht bei philosophischen Fragestellungen aber auch nicht anders; man kann sich nicht aus dem Nichts und ohne echtes Interesse tiefgründig mit einem Thema auseinandersetzen und eine überzeugende Argumentation dazu entwickeln. Wie lange ich für einen Beitrag brauche, hängt natürlich von der Länge und vom Thema ab; davon, ob ich noch viel recherchieren muss, wie tiefgründig Sachverhalte erläutert werden müssen oder ob vor allem eine Reflexion gefragt ist. Ich arbeite eigentlich nie am Stück an einem Beitrag, sondern immer mit Unterbrechungen und in verschiedenen Arbeitsphasen, um mir selbst Raum zu geben, alles gründlich zu durchdenken.

Du bist auch als Coach tätig. In welchem Bereich? Als Lektorin?

Ich berate andere Schreibende sowohl als Lektorin als auch als Philosophin. Meist geht das Hand in Hand, dann bin ich im Schreibprozess philosophische Gesprächspartnerin und berate gleichzeitig auf der handwerklichen Ebene. So arbeite ich tatsächlich am liebsten, denn dann kann ich nicht nur das Schreibprojekt auf verschiedenen Ebenen begleiten, sondern auch die schreibende Person selbst und dabei miterleben, wie sie immer sicherer wird und ihre eigene Stimme findet. Das ist wirklich ein Geschenk.

Was machst du als Ausgleich zur Schreibtischarbeit?

Die meisten Kolleg*innen werden bestätigen, dass eigentlich immer viel zu wenig Zeit für Ausgleich bleibt – dabei ist er so nötig! Tatsächlich versuche ich gerade, da etwas besser zu werden, regelmäßig immerhin Pausen zu machen, zwischendurch mal einen Spaziergang einzulegen oder Sport zu machen. Ansonsten verbringe ich viel Zeit mit meiner Familie, bin eine schon fast obsessive Leserin und Hörerin von Hörbüchern und Hörspielen, wirbele im Garten, liebe Spiele aller Art und natürlich Handarbeiten. Ich häkele viel, aktuell bringt mein Mann mir Stricken bei. Insgesamt brauche ich immer viel geistigen Input, muss dann aber auch Dinge mit den Händen tun und mich vor allem bewegen.

Ich finde es sehr mutig, dass du dich als Stotterin getraut hast, das Amt der Sprecherin der Regionalgruppe Berlin zu übernehmen! Denn da „musst“ du oft vor Leuten sprechen. Wie geht es dir damit?

Die Formulierung der Frage ist schon ein bisschen heikel, denn sie impliziert, dass Stottern ein Grund sein könnte, lieber nicht öffentlich zu sprechen oder sich zu engagieren.

Zuallererst habe ich das Sprecherinnenamt übernommen, weil ich Freude daran habe, gemeinsam mit anderen etwas zu bewegen, Räume für Austausch zu schaffen, Menschen zusammenzubringen und ihre Entwicklung zu unterstützen. Klar, als stotternde Person sind etwa lange Zoom-Abende oder RG-Treffen, bei denen ich viel sprechen muss, schon ziemlich fordernd, meine Techniken zum flüssigen Sprechen verlangen mir viel Konzentration ab und die Stottersymptomatik ist auch einfach körperlich anstrengend. Ich finde aber, dass gerade Menschen, die eben nicht der Norm entsprechen, in die erste Reihe gehören, einfach damit die Mehrheitsgesellschaft im Umgang ganz generell Unsicherheiten, Vorurteile und Unwissen abbaut, sich – ganz platt gesagt – einfach an das „Anderssein“ gewöhnt. Für die Menschen in meinem Umfeld ist mein Stottern überhaupt kein Thema – ich spreche eben so, das ist eine ganz simple Eigenschaft. Das ist auch im VFLL und im Umgang mit meinen Kund*innen so: Es kommt darauf an, was ich sage, nicht, wie ich es sage. Dafür bin ich wirklich dankbar, aber eigentlich sollte es selbstverständlich sein. Im Alltag ist es das aber leider nicht immer – und das ist auch ein Grund, warum ich als stotternde Person präsent sein möchte: Tatsächlich erlebe ich es nicht selten, dass ich zum Beispiel irgendwo anrufe und meine Gesprächspartner*innen es ganz furchtbar lustig finden, dass ich nach dem „Hallo“ scheinbar meinen Namen nicht mehr weiß. Ich könnte dir unzählige solcher Situationen schildern, die manchmal wirklich demütigend sind. Sie entstehen in den allermeisten Fällen, weil die Personen noch nie etwas mit einem stotternden Menschen zu tun hatten und gar nicht auf die Idee kommen, dass ihr Gegenüber vielleicht einfach nur anders spricht oder eine Behinderung hat. Wer nicht „ordentlich“ sprechen kann, wird auch schnell für dumm gehalten, das erlebe ich tatsächlich oft. Deshalb ist es mir wichtig, als stotternde Person präsent zu sein und zu zeigen: Hey, es gibt Menschen, die stotternd sprechen. Wir erwarten, dass ihr uns zuhört, denn wir haben was zu sagen; lasst uns ausreden, wie jeden anderen auch; wir sind nicht dümmer oder klüger, wir sprechen eben einfach nur ein bisschen anders und brauchen manchmal vielleicht ein bisschen mehr Zeit, das auszudrücken, was wir sagen wollen.

Gibt es noch etwas, das du gerne mitteilen würdest?

Ich danke dir von Herzen für dein Interesse und für die Möglichkeit, von mir zu erzählen!

Interview: Sibylle Schütz
Korrektorat: Rebekka Münchmeyer
Beitragsbild: Dr. Wenke Klingbeil-Döring, (c) privat


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