buchmesse_popup: Wie aus dem Nichts entstanden

Nach der offiziellen Absage der Leipziger Buchmesse 2022 wurde kurzfristig eine Popup-Messe ins Leben gerufen, an der sich über 60 Verlage beteiligten. VFLL-Mitglied Georg-D. Schaaf brach zu einem Trip nach Leipzig auf und besuchte die popup_buchmesse. Für den VFLL-Blog fasste er seine Notizen zusammen.

Von Georg-D. Schaaf

„Stand with Ukraine“

Krieg gegen die Ukraine; die Leipziger Buchmesse vollständig abgesagt; deren Zukunft in den Sternen; eine alternative buchmesse_popup in kürzester Zeit wie aus dem Nichts entstanden; dazu spannende Bücher der prämierten Buchpreisträger*innen. Wie könnte man nach einem Besuch auf dem diesjährigen Leipziger Bücherfrühling über all das Zusammenhängendes schreiben, ohne Wesentliches auszulassen oder uferlos zu werden?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Schlüssigkeit reihen sich im Folgenden vier Bilder mit Notizen, Eindrücken und Zitaten von den verschiedenen besuchten Veranstaltungen: der Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung am 16. März, der Verleihung des Buchpreises der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung am 17. März sowie der buchmesse_popup am 18. März.

„Vermeidung der Trostlosigkeit“

Der offizielle Auftakt jeder Leipziger Buchmesse, auch der abgesagten in diesem Jahr, ist die Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung, die dieses Mal in der Nikolaikirche stattfand. Dieser Preis scheint so etwas zu sein wie der Aachener Karlspreis, nur in leise, nicht prominent und leicht überhörbar. Folgerichtig scheint auch die Gefahr der späten Entdeckung inbegriffen zu sein, dass manche früheren Preisträger*innen genau vor dem gewarnt haben, was jetzt in der Ukraine passiert.

In vielen Statements dieser Woche war zu hören, dass die Leipziger Buchmesse gerade in Zeiten des Krieges gegen die Ukraine notwendiger denn je sei. Und überhaupt: Schon immer sei sie eine Brücke oder Drehscheibe gen „Osten“ Europas gewesen. – Ganz praktisch ist das Messegelände jetzt, zumindest in einer der großen Hallen, Notunterkunft für Menschen auf der Flucht aus der Ukraine.

Dieses „schon immer“ hat bisher wohl wenig zum Wissen um die multiethnische, vielsprachige Gesellschaft der Ukraine (wie die anderer „ost“-europäischer Staaten) beigetragen. Aber nun: Die Unkenntnis, sogar die jahrhundertealte Geringschätzung sämtlicher slawischen Ethnien in westeuropäischen Gesellschaften scheint sich endlich, angesichts von Millionen Menschen auf der Flucht, blitzschnell in Luft aufzulösen, zumindest überwiegend. Da wären aber noch die Kriegsgeflüchteten nicht-europäischer Nationalitäten, zum Teil nicht erst seit dem Krieg gegen die Ukraine auf der Flucht, die weiterhin nicht in gleichem Maße in Europa willkommen sind.

Die vernachlässigten „Ränder“ Europas mit verschiedenen kleinen und großen Ethnien befinden sich tatsächlich doch mitten in Europa; durch Migration überall. Darauf wies fein gesetzt Karl-Markus Gauß – auch „Minderheiten-Gauß“ genannt – in seiner Dankesrede zur Verleihung des Buchpreises für Europäische Verständigung hin. Angesichts des Krieges zeigte er sich optimistisch, dass das Bild von der Leipziger Buchmesse als Brücke zu Osteuropa noch immer trägt:

„So lange Krieg herrscht, ist es schwierig, für Verständigung zu werben. Aber wann wäre es notwendiger, es zu tun? (…) zumindest zwischen denen, die auf der einen Seite aufbegehren, um keine Täter zu werden, und denen, die auf der anderen Seite nicht Opfer bleiben wollen, müsste sie doch möglich sein. Die Leipziger Buchmesse ist nicht die einzige Brücke, auf der sie sich und mit uns Ratlosen, aber nicht Gleichgültigen treffen könnten. Dafür muss es die Leipziger Buchmesse freilich weiterhin geben; auf dass sich im nächsten Jahr russische Autorinnen, die nicht trauern, weil ihr Despot den Krieg verloren hat, und ukrainische Autoren, die nicht jubeln, weil Russland selbst aus der Gemeinschaft der zivilisierten Nationen verstoßen wurde, mit uns über, naja, sagen wir über Europa reden. Und über anderes mehr.“

Es muss wohl dieser Optimimus sein, der die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl in ihrer Laudatio dem gesamten Werk des Preisträgers eine durchweg gelingende „Vermeidung der Trostlosigkeit“ attestieren ließ.

„Synchronjammern“

Die popup_Buchmesse öffnet ihre Pforten

Ein Ersatzprogramm zur abgesagten Buchmesse gab es nicht; die Absage sei zu kurzfristig dafür erfolgt, so Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse: „Die Messe ist der Kern. Von der Messe geht das Festival aus. Wenn es keine Messe gibt, kann es auch kein Festival geben.“ Die mediale Auseinandersetzung nach der Absage war heftig, auch weil manche Begründungen den Eindruck erweckten, die Leipziger Buchmesse brauche man, rein ökonomisch betrachtet, nicht.

In seiner Dankesrede nahm Karl-Markus Gauß auf solche Aussagen Bezug und ließ insbesondere an der kurzfristigen Absage dreier Verlagskonzerne kein gutes Haar, nachdem zuvor schon etliche kleinere Verlage unter Verweis auf die pandemische Lage abgesagt hatten. Den Vorstandsvorsitzenden der drei Konzerne hielt Gauß eine „Art von Betriebssport“ vor, ein „Synchronjammern (…) über das Unglück, dass ihre Leidenschaft nicht mehr den Büchern gelten könne, sondern der Buchhaltung gelten müsse“.

„Nichts weniger als ein rauschendes Buchfest“

… sollte es laut dem Verleger Leif Greinus, einem der Initiator*innen der buchmesse_popup werden. Und hat es sicher auch eingelöst. Die Messe war ausverkauft; zu Bücherschau und Lesungen kamen insgesamt 10.000 Gäste.

Platz gab es für etwas über sechzig Verlage. Im alternativen Kulturzentrum Werk II in Leipzig-Connewitz. Das war ein Bruchteil dessen, was die Messehallen fassen. Zugelassen wurden nur Verlage, die bis zuletzt ihre Teilnahme bei der großen Messe aufrechterhalten hatten. Aus Kapazitätsgründen reduziert war auch die Bandbreite: Publikumsverlage sollten es sein, nicht aber etwa reine Kinderbuchverlage oder reine Hörbuchverlage.

Im Zweistundentakt wechselte das Publikum, die Ausstellungshalle wurde gelüftet. Parallel gab es in Nebengebäuden halbstündige Lesungen mit separatem Zutritt. Die Präsentation war einheitlich pragmatisch: je Verlag ein Tisch für die Buchauslage, dazu ein Schild mit dem Verlagssignet; große Verlage bekamen allerdings mehrere Tische zugestanden. Leicht konnte man mit Verleger*innen und Autor*innen ins Gespräch kommen.

Schon im Vorfeld hatte die innerhalb von nur vier Wochen ins Leben gerufene Popup-Messe sehr gute Publicity bekommen. Umso erstaunlicher schien daher Oliver Zilles Schweigen darüber in seiner Begrüßungsrede zur Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse am 17. März. Später, bei seinem Besuch dort, schien für ihn „so eine sympathische Kleinveranstaltung“ nicht ausreichend, um die notwendigen Debatten zum Krieg zu führen.

Sollte es 2023 trotz aller klaren Bekenntnisse aus Politik und Buchhandel wieder zu einer Absage kommen: Die Macher*innen der sympathischen Kleinveranstaltung wären jederzeit für eine Neuauflage bereit. Man habe in diesem Jahr kein weiteres Mal auf die Begegnung zwischen Autor*innen und dem Publikum verzichten wollen, wolle aber auch kein Ersatz für die Leipziger Buchmesse sein.

„(…) ein Schriftsteller ist jemand, der Schwierigkeiten hat mit die deutsche Sprache“

Literaturverlag Droschl auf der buchmesse_popup Leipzig

Gibt es gute deutsche Literatur ohne korrektes Deutsch? Sie gibt es, jetzt mit „Eine runde Sache“ (Literaturverlag Droschl) von Tomer Gardi auch ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik.

In dem Roman geht es um die Reise zweier Künstler „durch sprachliche und kulturelle Räume“, dabei um„Fremdheitserfahrungen, Identität und das Leben als Künstler“. Im ersten Teil ist es der Autor als Icherzähler selbst, im zweiten ein indonesischer Maler des 19. Jahrhunderts. Beide Teile spiegeln sich gegenseitig. Im ersten Teil schreibt der Autor in seinem „Broken German“, einer „Kunstsprache mit eigenartiger Rechtschreibung und merkwürdigem Satzbau“, im zweiten, in korrektes Deutsch übersetzt, Hebräisch. Auf seiner eigenen, surrealen Reise begleitet ihn unter anderem der sprechende Deutsche Schäferhund Rex, gezähmt mit einem zum Maulkorb umfunktionierten Sexspielzeug. In dessen so extrem deformierter Sprache werden alle Vokale und Diphthonge zu „ü“. – Für den Verlagslektor bei Droschl ist es generell für die Glaubwürdigkeit einer Erzählung wichtig, dass die Sprache der handelnden Personen authentisch abgebildet wird. Ünd dün Kürrüktür düs Büchüs frütü dür gürüngü fürmülü Kürrüktürbüdürf büm Brükün Gürmün.

Bei allen drei mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Autor*innen sind Mehrsprachigkeit und Übersetzen zentral.

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik gewann die Lyrikerin Uljana Wolf mit „Etymologischer Gossip: Essays und Reden“ (kookbooks Verlag); für die Jury ist es „fröhliche Sprachwissenschaft“ im eigentlichen Sinne. In der Kategorie Übersetzung gewann die Autorin Anne Weber mit „Nevermore“ von Cécile Wajsbrot (Wallstein Verlag), einem Roman über die zentralen Fragen beim Übersetzen von Virginia Woolfs „To the Lighthouse“ ins Französische, nun übertragen ins Deutsche.

Beitragsbild: popup_buchmesse Leipzig 2022: (c) Anke Fesel/bobsairport.
Fotos im Beitrag: Georg-D. Schaaf


Ausgewählte Links:

Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung
Mitschnitt des Livestreams mit allen Reden
Laudatio von Daniela Strigl auf Karl-Markus Gauß (PDF-Datei)
Dankesrede von Karl-Markus Gauß (PDF-Datei)

Bonnier, Holtzbrinck und PRH bekennen sich zu Leipzig
Verleger Leif Greinus über die Buchmesse Popup 2022
Popup-Buchmesse in Leipzig: Gunnar Cynybulk über Trotzreaktionen
Buchmesse-Chef Oliver Zille zur Absage von Buchmesse und „Leipzig liest“
Statement von Oliver Zille zur buchmesse_popup

Die Preisträger*innen der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung (mit Jury-Begründung und Leseprobe)


Georg-D. Schaafs Website und Profil im VFLL-Verzeichnis


Zum Programm der popup_buchmesse 2022 18.–20.03.2022


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Ein Gedanke zu „buchmesse_popup: Wie aus dem Nichts entstanden

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