VFLL-Mitglied Sebastian Petrich mit seinem Buch über „Die schönsten Berliner Kieze“

„Die Lesenden können vom Sofa aus Berlin erkunden“

Sebastian Petrich hat sich erneut intensiv mit den aus seiner Sicht 20 interessantesten Berliner Kiezen beschäftigt und bei seiner Recherche „kleine mehr oder weniger skurrile Details“ ans Tageslicht befördert. Ein paar Anekdoten werden im Interview angerissen, zudem erfahren wir auch etwas über das Entstehen des Buches bzw. dessen Überarbeitung.

Um was für ein Werk handelt es sich?

Das Buch misst 28,5 mal 21,5 Zentimeter, wiegt 799 Gramm, kostet 22 Euro und enthält circa 271.000 Zeichen inklusive Leerzeichen auf 128 Seiten. Es heißt „Die schönsten Berliner Kieze“, wobei „Die interessantesten Berliner Kieze“ als Titel möglicherweise etwas präziser wäre.

Der Untertitel „20 Streifzüge durch die Stadt“ legt nahe, dass es sich um 20 Tipps für Stadtspaziergänge durch Berlin handelt. Trifft das zu?

Coveraufnahme des Buches „Die schönsten Berliner Kieze“

Cover des Buches „Die schönsten Berliner Kieze“, (c) Elsengold

Natürlich freue ich mich, wenn die Lektüre die eine oder den anderen zu einem Spaziergang durch die Stadt animiert. Aber konkrete Tourenvorschläge liefere ich nicht. Es handelt sich auch nicht um einen klassischen Stadtführer für die Hand- oder Jackentasche mit Shopping- oder Gastrotipps und so weiter. Nein, die Lesenden können ruhig vom Sofa aus Berlin erkunden. Oder besser gesagt: den innerstädtischen Teil von Berlin, der überwiegend von Blockrandbebauung aus der Gründerzeit geprägt ist, wo es dank der berühmten „Berliner Mischung“ aus Wohnen und Arbeiten einigermaßen belebt auf den Straßen zugeht. Von den 20 porträtierten Kiezen liegen 18 innerhalb des S-Bahnrings.

Was sind überhaupt Kieze und warum sind sie so wichtig, dass du ihnen ein Buch widmest?

Der Begriff „Kiez“ kommt wahrscheinlich vom slawischen Wort „chyza“ (Haus, Hütte) und bezeichnete im Mittelalter eine kleine Siedlung am Rande eines größeren Orts. In Berlin hat es sich eingebürgert, mit „Kiez“ die kleinste Gebietseinheit unterhalb der Bezirks- und Ortsteilebene zu bezeichnen. Wobei es keine behördlich festgelegten Kiezgrenzen gibt; es handelt sich nicht um geografisch eindeutig definierte Verwaltungseinheiten, sondern eher um gefühlte Gebiete. Das Wort „Kiez“ scheint eine gewisse Gemütlichkeit und Bodenständigkeit auszustrahlen, das ist wohl der Grund, warum so oft Cafés zu Kiezcafés, Flohmärkte zu Kiezflohmärkten und Frisöre zu Kiezfrisören werden oder warum die Immobilienwirtschaft in ihren Inseraten diese vier Buchstaben an einen Straßennamen anhängt, wenn sie etwa eine „lichtdurchflutete Altbauwohnung im Güntzelkiez“ anpreist oder behauptet „Das zum Verkauf kommende Objekt liegt im beliebten Huttenkiez“. Naja, Maklerlyrik eben. Mich hat mehr interessiert, ob man anhand dieser Mikrokosmen erzählen kann, warum Berlin heute so aussieht, wie es aussieht. Wenn man genau hinschaut, dann zeugen in den Kiezen so viele Orte von den geschichtlichen Epochen, die die Stadt maßgeblich geprägt haben: vom Aufstieg Preußens im 19. Jahrhundert, vom Bauboom nach der Reichsgründung und vom kurzen Aufblühen des Kulturlebens in der Weimarer Republik. Dann der Zivilisationsbruch ab 1933 mit den monströsen Verbrechen der Nazizeit, die in der Verfolgung und Ermordung der Berliner Jüdinnen und Juden gipfelten. Aus der Zeit nach 1945 spiegelt sich in den Berliner Kiezen der in Ost und West gar nicht so unterschiedliche Wiederaufbau, die Kahlschlagsanierung und das Dogma der autogerechten Stadt, die Alternativkultur der Siebziger- und Achtzigerjahre, die Freiräume und Experimentiermöglichkeiten der Neunzigerjahre und schließlich der in den Nullerjahren beginnende Druck einer konsequenten Kapitalisierungs- und Verwertungslogik. Eine große Rolle spielen auch die Leerstellen: Was stand früher hier – ein Wohnhaus, eine Fabrik, ein Sportstadion, eine Synagoge? Grünflächen sind immer verdächtig.

Wie warst du an dem Buch beteiligt?

Meine Aufgabe war es, den Text zu schreiben. Beziehungsweise erst einmal die für mich interessanten Kieze auszuwählen, durch diese Gegenden zu spazieren und Eindrücke aufzusaugen, mit Leuten dort zu sprechen. Und dann viele Stunden im Lesesaal der Berlin-Sammlungen der Berliner Stadtbibliothek zu sitzen und vor allem graue Literatur aus den verschiedensten Jahrzehnten zu sichten: Verwaltungsdokumente, Parteibroschüren, Flugblätter, Vereinsschriften, Stadtteilzeitungen und so weiter. Nicht meine Aufgabe war hingegen, die Fotos zu schießen. Das hat Jo Jankowski auf großartige Weise getan. Die rund 300 Aufnahmen im Buch zeigen Berliner Alltagsszenen der 2020er-Jahre abseits der viel fotografierten touristischen Sehenswürdigkeiten.

2015 erschien in diesem Blog schon einmal ein Interview zu „Die schönsten Berliner Kieze“ mit dir. Reden wir hier über eine Neuauflage oder eine Neuerscheinung?

Obwohl der Titel des aktuellen Buchs identisch mit dem von 2014 ist, handelt es sich um eine Neuerscheinung. Knapp ein Drittel des Textes habe ich neu geschrieben oder umgeschrieben. Zum einen, weil ich die Chance nutzen wollte, jene Passagen, mit denen ich im Nachhinein nicht ganz zufrieden war, zu ändern. Normalerweise bin ich kein Fan davon, die eigenen Texte zu lektorieren, aber mit der Distanz von fast einem Jahrzehnt funktionierte das in diesem Fall ganz gut. Zum anderen hat sich Berlin in der Zeit seit 2014 stark verändert, weil jetzt der große Bau- und Zuwanderungsboom gekommen ist, den man eigentlich in den Neunzigerjahren erwartet hatte. Es gab daher einen gewaltigen Aktualisierungsbedarf. Ganz neu sind auch die Fotos – und ihr Zusammenspiel mit dem Text. Bei der Version von 2014 hatte der damalige Fotograf parallel mit mir gearbeitet, teilweise war er mir auch vorausgeeilt, weil ich für das Recherchieren und Schreiben länger brauchte. Als Jo Jankowski anfing für das aktuelle Buch zu fotografieren, lag der Text aber schon vor. Er hatte also die Möglichkeit, mit seinen Bildern immer wieder Bezüge zum Geschriebenen herzustellen, und er hat sie sehr gut genutzt.

Was hat besonders Freude gemacht?

Aufgeschlagene Buchseite

Ein Blick ins Buch „Die schönsten Berliner Kieze“

Kleine mehr oder weniger skurrile Details auszugraben. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, dass es schon 1923 ein chinesisches Restaurant auf der Kantstraße gab. Damals bedienten allerdings deutsche Kellner die überwiegend chinesischen Gäste, die meistens als Studenten aus wohlhabenden Familien nach Deutschland gekommen waren. Oder wer weiß schon, dass die langlebigste Berliner Mauer nicht der „Antifaschistische Schutzwall“ des SED-Regimes war, sondern die Akzisemauer, die von 1734 bis 1871 auf der heutigen Torstraße stand? Mit dieser Mauer wollte der preußische Staat Zölle einkassieren und Wehrpflichtige daran hindern, sich von der Truppe abzusetzen. Notierenswert fand ich auch, dass in der Lichtenberger Victoriastadt ab 1872 die ersten Betonhäuser Deutschlands gebaut wurden, von denen ein paar noch stehen. In unmittelbarer Nähe dieser Pionierbauten gibt es heute einen kunsthandwerklichen Betrieb, der Möbel aus Beton fertigt.

Interview: Katja Rosenbohm
Beitragsbild und Porträtfoto: (c) Sebastian Petrich
Cover und Blick ins Buch: (c) Elsengold


Porträtaufnahme Sebastian Petrich

Autor und freier Lektor Sebastian Petrich

Sebastian Petrich: Die schönsten Berliner Kieze: 20 Streifzüge durch die Stadt. Fotografiert von Jo Jankowski, Hardcover, 128 Seiten, 2022, 22,00 Euro, ISBN 9783962010522.

Das Buch bei Elsengold

Das Buch ist außerdem über den Buchhandel und online z. B. im Autorenwelt-Shop erhältlich.


Sebastian Petrichs Website und Profil im VFLL-Lektoratsverzeichnis
Fotograf Jo Jankowski


Weiterer Blogbeitrag von Sebastian Petrich:
Die Legende vom AKW auf der Pfaueninsel (2017)

Zur ersten Buchvorstellung von Sebastian Petrich:
Sebastian Petrich über „Die schönsten Berliner Kieze“ (2015)


Weitere Blogbeiträge aus dieser Reihe:

„Es wurde nicht wieder gut“ (2024)
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Ein Gedanke zu „„Die Lesenden können vom Sofa aus Berlin erkunden“

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